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Genre: Festival

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Ein Festival in der Opposition
Die Kindheit der „Kilbi“ erinnert uns an jene von Bob Dylan. Hellwach geboren in einem verschlafenen Nest, gierig nach Leben und Erfahrungen, fasziniert von den Stimmen, die aus einer weit entlegenen Welt durch die kleinen Lautsprecher ins Bauernhaus dringen – und überzeugt davon, dass das Schicksal sie eines Tages zusammenführen würde. Anstatt aber diesen Stimmen raus in die Welt zu folgen, harrt die Kilbi aus in der Provinz und antwortet auf den Ruf aus der Stadt mit der Gründung einer dreitägigen Kulturmetropolen-Enklave auf dem Land – der „Bad Bonn Kilbi“. Das jährlich stattfindende Festival lässt die Avantgarde aus der Musikwelt zwischen Getreidefeldern und Kuhweiden auftreten, Vergangenheit und Zukunft werden hier nicht gegeneinander ausgespielt, sondern vermählt. Ihrer ländlichen Herkunft verdankt die Kilbi eine einzigartige Aussenperspektive. Diese hat sie zum Programm gemacht. Die Kilbi ist die Opposition, das Gegengewicht zu den städtischen Mainstream-Openairs, den Spielbällen der grossen Agenturen. Als Sonderling in der Festivallandschaft geniesst sie zudem Narrenfreiheit; sie experimentiert, lotet Grenzen aus und überschreitet sie auch. Immer wieder stellt sie den Besucher und sich selbst auf die Probe. Gleichzeitig aber verkauft sie ihre programmatischen Eskapaden mit so viel Überzeugung und Nonchalance, dass der Zuschauer zuerst an sich selbst zweifeln wird, bevor er etwas anderes infrage stellt. Die Kilbi zwingt uns in eine Auseinandersetzung mit dem, was wir sehen und hören. Es ist einer der Gründe, warum sich die Bad Bonn Kilbi vom Geheimtipp zum renommiertesten Entdecker-Festival der Schweiz entwickelt hat. Heute ist der Name „Kilbi“ ein Stempel (im besten Sinne) und Bad Bonn längst nicht mehr der einzige Ort, dem er aufgedrückt wird. Nach Ausgaben in Zürich und Paris ist am 28.11. und 29.11. St. Gallen dran:

Kilbi an der Grenze
Wie bei allen Kilbi-Anlässen wird man auch bei der „Kilbi an der Grenze“, die in der Grabenhalle und im Palace stattfindet, nicht mit den grossen Namen gelockt, sondern mit dem Vertrauen in das Label. Wo „Kilbi“ draufsteht, steckt Hingabe, Leidenschaft, Experimentierfreude, Erfahrung und ein bisschen ziviles Ungehorsam drin. So klickt man sich durch das Programm mit einer Mischung aus Respekt und Neugier, mit Be- und Verwunderung.
Der Freitag ist ein Roadtrip entlang der Genregrenzen von Experimental, Lo-Fi-Punk, Garage-Blues und Krautrock. Ashley Paul steigt mit uns hinab in den Himmel und rauf in die Hölle, Courtney Barnett führt uns mit vorgespielter Gleichgültigkeit durch den Alltag einer 24-Jährigen, Half Japanese lassen uns rückwärts auf der Zeitachse balancieren und dabei an die Generation X denken, mit Po Lazarus Project bauen und überqueren wir Brücken, Camera jagen uns zurück auf die Hauptstrasse und treiben uns mit der One-Chord-Peitsche vor sich her bis wir genug schnell unterwegs sind, um über die Rampe, die uns Vessel aus Bits zusammenschustert, ins Nichts zu schiessen und an die Schwerelosigkeit übergeben zu werden, bis wir endlich von der Kilbi-Veteranin DJ Marcelle zurück auf den Boden geholt werden.
Der Samstag ist im Umfang dünner, kompensiert dies aber mit einer grossen thematischen Spannweite.
Es beginnt mit Jurczok 1001. Der Zürcher Sprachkünstler jongliert mit Wörtern und Satzfragmenten, seine Performance ist eine verbale Form von Kühlschrank-Poesie, sein Körper die fleischgewordene Musikproduktionssoftware. Wozu andere einen ganzen Effekt-Park benötigen, braucht Jurczok 1001 seinen Mund. Als ob es darum ginge, die Ehre von Bodentretern wieder herzustellen, sind im Anschluss Lord Kesseli & The Drums dran. Viel ist von diesem Projekt, bestehend aus den zwei Stahlbergern Dominik Kesseli und Michael Gallusser, zwar noch nicht durchgesickert. Die Live-Videos, die im Netz rumgeistern, lassen aber ein Noise-Gewitter erahnen, wie es nur zustande kommt, wenn Audiosignale durch sämtliche verfügbaren digitalen und analogen Effekte gejagt und dabei bis zur Unkenntlichkeit deformiert werden. Wer dann noch mag, lässt sich von Tirzah & Micachu zu Samples zerlegen und über den Globus verteilen und anschliessend wieder einsammeln von den (vergleichsweise) heimischen Klängen von DJ Fett. Ja so klingt es, wenn sich ein Festival auf die Probe stellt. Fingerzeig verlost Tickets via Facebook!

Wer kein Glück hatte, wählt den Weg via: Starticket.

Den Zeitplan und weitere Information entnehmnt ihr der Website.