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Genre: Konzertreview | Review

Zuweilen erinnerte das Publikum in seinen Bewegungen an ein Kornfeld, dessen Halme im Wind hypnotisch hin und her schwanken und über ihren Wurzeln kreisen wie Bojen bei Wellengang. Mit geschlossenen Augen stand man da, bewegte sich intuitiv synchron mit seinen Nachbarn zu den repetitiven Rhythmen, Schulter an Schulter, und doch kilometerweit voneinander entfernt.
Versetzt wurde man in diesen tranceähnlichen Zustand von jener Band, deren Name (paradoxerweise) auf ein Drogen-Präventionsprogramm zurückgeht; The War On Drugs. Tatsächlich liegt bei dieser Musik die Assoziation mit bewusstseinserweiternden Substanzen sehr nahe und man fragt sich, ob sie sich nun als Alternative zum Drogenkonsum versteht oder erst recht darauf abzielt. Fest steht, dass sie den Zuhörer träumen und an weit entlegene Orte reisen lässt. Wo diese liegen, hatte Sänger Adam Granduciel gleich zu Beginn des Konzerts durchscheinen lassen, im Opener „In Reverse“:  „Like a light that’s drifting, in reverse I’m moving“ – der Wegweiser zeigte in Richtung Vergangenheit.

Die folgenden 90 Minuten waren eine Rückschau auf knapp 10 Jahre Bandgeschichte. Mit geübten Handgriffen arbeiteten sich The War On Drugs durch ihre drei Studioalben, wobei erstaunlich viele unscheinbare und ruhige Songs Platz fanden im Set. „Best Night“ zum Beispiel, oder „Black Water Falls“ – beides Stücke ab dem zweiten Album „Slave Ambient“, beides Stücke, die seit dem Release des neuen Albums „Lost In The Dream“ nur noch selten den Weg auf die Bühne fanden. Es schien, als ob nach den unzähligen, meist kurzen Festival-Shows der Druck von der Band abgefallen sei, ein nach Youtube-Klicks ausgerichtetes Best Of abliefern zu müssen. Hier brauchte man nicht mit viel Lärm die Massen von den Fressständen vor die Bühne zu locken, man brauchte sich kein neues Publikum zu erspielen. Der Rahmen war abgesteckt und man konnte sich Zeit nehmen, einen eigenen Spannungsbogen zu zeichnen. Dementsprechend entspannt war die Stimmung. Und auch wenn sich Adam Granduciel und seine Band sehr wortkarg gaben, wirkten sie nicht abgehoben oder distanziert. Die Zurückhaltung hatte eher noch etwas vornehmes. Man liess der Musik eben den Vortritt. Diese wiederum entwickelte eine Präsenz, weil sie es vermied, sich aufzudrängen. Nach und nach liess sie den Boden unter den Füssen des Zuschauers wegschmelzen und ihn allmählich eintauchen in einen Zustand des Träumens.
So war das Konzert nicht bloss eine Retrospektive auf das bisherige Schaffen, sondern auch auf die Emotionen und Stimmungen, aus denen heraus diese Songs entstanden waren und die nun der Reihe nach heraufbeschworen wurden. Als Zuhörer fiel es schwer, sich dieser Fotoalbum-Nostalgie zu entziehen und so begann man unweigerlich, in eigenen Erinnerungen zu stöbern und Gefühle durchzublättern.

Genauso entschlossen, wie The War On Drugs das Publikum zu Beginn des Konzerts in die eigene Vergangenheit verbannt hatte, bemühten sie sich zum Schluss darum, den Besucher wieder an der Schwelle zur Gegenwart abzusetzen. So endete das Konzert mit einem Cover von Bob Dylan’s „Tangled Up In Blue“ und den Zeilen: „But me I’m still on the road, heading for another joint. We always did feel the same, we just saw it from a different point of view“.

Bilder: ©Pascal Küng / www.summerwashedout.ch