Reviews

Genre: Festival

…ein Konzert, das wir uns natürlich nicht entgehen liessen, war unser eigenes (ein Schenkelklopfer als Einstieg schadet nie). Ich verzichte an dieser Stelle aber darauf, zu einer OSS-Konzertkritik auszuholen. Falls der Auftritt die Welt bewegt haben sollte, wird sich das früher oder später auch so rumsprechen. Für uns als Band war es auf jeden Fall eine Erfahrung, an die man sich durchaus gewöhnen könnte.
Über den persönlichen musikalischen Höhepunkt des Sziget Festivals habe ich bereits in Teil 1 berichtet. Es war Skrillex, der am Mittwoch weit über 60’000 Menschen vor die Main Stage lockte und mit seinem energiegeladenen Set das Publikum in einen Zustand der Strukturlosigkeit versetzte, wie wenn Moleküle unter dem Einfluss von Wärme beginnen, sich zu bewegen, die Verbindungen zwischen den Atomen aufgebrochen wird und für einen kurzen Moment das Chaos vorherrscht.
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Gesitteter ging es am Dienstag zu und her, als sich Queens Of The Stone Age mit ihrem “Hammer und Meisel”-Rock am Abend zu schaffen machten, um ihm ein Gesicht zu geben. Mit geübten Handgriffen und charmanter Nonchalance arbeitete sich die Band rund um den Produzenten Josh Homme durch das 90 minütige Set und liess dabei Hit um Hit vom Stapel, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Von QOTSA abgesehen fehlte es dem Programm zu Beginn der Woche an Acts mit Dringlichkeit und Charakter. Symbolisch für dieses Loch war das Konzert der US-Skate-Pönkers von Blink 182. Das Einzige, was sich bei deren Auftritt wirklich aufdrängte, war der Eindruck, dass diese Band archiviert und ins Museum gehört. Es war, als würde man eine ausgestopfte Katze betrachten, der man einen kleinen Lautsprecher ins Maul pflanzte, welcher alle paar Sekunden den Laut “Miaauuu” ausspuckt – ein ambitionsloser Versuch, dem Besucher vorzugaukeln, da stecke noch ein Rest Leben drin. Kraftlos schleppten sich Drummer Travis Parker und seine Kumpanen durch die immergleichen Drei-Akkord-Songs. In Puncto Abwechslung war das Konzert zu vergleichen mit der Wanderung durch eine Sandwüste.
Das alles hätte man Blink 182 verziehen…wäre da nicht diese Selbstgefälligkeit gewesen, mit der die Band ihr Material dem Publikum vor die Füsse warf und ihre Fuck-Off-Attitüde zu untermauern versuchte, die man ihnen nie wirklich abgenommen hatte und heute erst recht daherkommt wie ein Fasnachtskostüm. Trotzdem liessen Blink 182 keine Chance aus, ihr aufgesetztes Querulantentum zu zelebrieren, sei es mit langen Rülpsern ins Mikrofon oder platten Fäkal-Witzen. Je länger das Konzert dauerte, desto mehr erhärtete sich der Verdacht, diese Band existiere nur noch, weil das Vermögen, das “All The Small Things” damals in die Bandkasse spülte, sich langsam verflüchtigt und dringend Zaster her muss, um weiterhin in übergrossen, aufgemotzten Ami-Schlitten durch die Gegend kurven zu können und sich dabei aufzuführen, als hätte man eben den Zenit der Pubertät erreicht (siehe Travis Parkers MTV Reality Soap).

Die zweite Wochenhälfte des Sziget brachte Abwechslung und bessere Acts, auch wenn die von Skrillex gesetzte emotionale Obergrenze nicht mehr erreicht wurde. Es waren vor allem die Chartstürmer der jüngsten Generation, die mit passionierten Auftritten überzeugten. Ob Imagine Dragons, Macklemore & Ryan Lewis oder Stromae, sie alle wirkten unverbraucht, steckten viel Herzblut in ihren Auftritt und liessen die (übervertretene) alte Garde damit noch älter aussehen. Bands wie Placebo, The Prodigy oder Korn vermochten es nicht, aus den langen Schatten zu treten, die ihre Hits einst warfen. Auch wenn sie nicht ganz zu Blink 182 aufschlossen, so steuerten sie doch ebenfalls auf die Belanglosigkeit zu.
Unweit der Main Stage gab es eine Bühne nur für Coverbands, die Youtube Tribute Stage. Am Donnerstag Abend standen dort oben vier Typen, die den knapp 200 Zuschauern mit einer Dringlichkeit Rage Against The Machine-Klassiker entgegenschleuderten, dass man sich fragen musste, ob es sich dabei nun wirklich um Coverversionen handelte, oder ob diese Band nicht gerade dabei war, getrieben von Hingabe eine völlig neue Wahrheit aus den Songs herauszulösen und ihnen neues Leben einzuhauchen.
Ich musste während dieses Konzerts mehrmals an den Auftritt von Blink 182 zurückdenken. Er war symptomatisch für das starre Selbstverständnis, in dem viele grosse Acts gefangen sind und verhindert, dass sie in Bewegung bleiben. Stattdessen neigen sie dazu, ihren Status jahrelang mit denselben drei Songs zu rechtfertigen. Sie treten ihre Hits platt und trampeln auch dann noch auf ihnen rum, wenn sie sich schon lange nicht mehr bewegen. Vielleicht also wären Songs wie “All The Small Things” sie bei einer Coverband gar nicht so schlecht aufgehoben? Ihre Überlebenschancen würden auf alle Fälle steigen.

Kaum bedroht scheint dagegen die Existenz des Sziget Festivals. Mit mehr als 400’000 Zuschauern verteilt auf sieben Tage knüpft die Edition 14 problemlos an die Erfolge der Vorjahre an. Seine positive Bilanz verdankt das Festival dabei weniger einem einzigartigen musikalischen Programm, als vielmehr seiner konsequent internationalen Ausrichtung, der enormen Vielfalt, die daraus resultiert, sowie der Bemühung, dem Besucher eine Erfahrung zu bieten, wie er sie sonst nirgends findet.
Schade, dass sich die Organisatoren dabei so sehr auf das Wort “Freiheit” stützen. Ich bin mir sicher, der eine oder andere hätte davon mehr empfunden, wäre er nicht ständig dazu gezwungen worden.

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