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Genre: uncategorized

Es ist die erste Lektion, die man am Sziget lernt: Entferne dich nie von deinem Zelt, ohne mindestens zweimal kontrolliert zu haben, ob du all die Dinge eingepackt hast, die du während den kommenden Stunden brauchst. Es könnte sich rächen mit einem 5 km-Marsch. Es sei denn, du warst mutig genug, dein Zelt in der Mitte der Insel, im Festivalzentrum zu parkieren. Dort, wo alle Wege zusammenkommen, wo sich die Menschenströme Tag für Tag auf die grosse Wiese vor der Main Stage ergiessen, wo sich Partyzelte und Bars gegenseitig mit Musik beschiessen. Wir waren es nicht. Lieber riskierten wir hin und wieder einen Spaziergang in die Peripherie der Insel, wo unser Zelt in einem geschmückten, lichten Wald stand.
Zudem gehörte der Weg vom Zentrum zu unserem Campingplatz im Norden der Insel zu jenen Reisen, die man eigentlich gar nicht so ungern auf sich nahm. Es war, als ginge man auf einem Erlebnispfad. Jeder Quadratmeter entlang der Strassen war zugepflastert mit Attraktionen. Anstatt also die eigenen Füsse zu bemitleiden, weil man ihnen mal wieder unnötige Kilometer abrang, überliess man sie einfach ihrer monotonen Arbeit und widmete sich dem Spektakel am Wegrand, das einen nach vorne zog wie ein Fluss – bis man nach gefühlten fünf (und effektiven 20) Minuten plötzlich vor dem eigenen Zelt angespült wurde und merkte, dass man nicht einmal Zeit gefunden hatte, sich darüber aufzuregen, dass man sich wegen einer Plastikkarte quer durch das Festivalgetümmel pflügen musste. Zu fest war man damit beschäftigt gewesen, die Bilder, Gerüche und Töne auseinanderzuhalten, die aus allen Richtungen herangetragen und unkontrolliert in den Gehörgang, die Augen und die Nasenhöhle geschüttet wurden, um sich irgendwo im Körper zu vermengen zu grossen Klumpen undefinierter Eindrücke.
Man darf sich einen Klumpen in etwa so vorstellen: In Fritieröl getauchte Elektro-Beats, die, gelbe Sonnenbrillen tragend, auf grossen Schaukeln sitzen und verstohlen aus Mojito-Eimern grinsen. Oder: der letzte Drittel eines Rock-Klassikers, der auf blauer Farbe in der Gegend rumhüpft und durch ein nach Kaffeebohnen riechendes Megafon den Schrei einer Frau presst, die sich, gesichert von einem Bungee-Seil, eben von einem Kran warf und in einem Fussball verschwand.
Angetrieben wie Schwemmholz lag man dann jeweils für einige Minuten erschöpft vor dem Zelt, um diese Klumpen von Eindrücken zu zerlegen und zu sortieren. Also: Man war vorbeigegangen an dutzenden von Essständen, die von ungarischen Spezialitäten über Pasta und süssen Crèpes bis hin zu indischen Curryeintöpfen alles anboten und deren Gerüche in den Strassen hingen wie dicke Vorhänge. In einem dieser Vorhänge hatte man sich prompt verfangen und war für einen kurzen Moment aufgetaucht aus dem Strom. „Dieser Geruch…den kenn ich doch.“ Und tatsächlich:

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Man hatte sich seine Gedanken gemacht und war wieder abgetaucht. War in Bars gelandet, die sich auf neonfarbene, mit Mojito gefüllte Sandkasten-Eimer spezialisiert hatten und diese im Sekundentakt über die Tresen reichten. Man hatte Wiesen überquert, auf denen farbige Holz-Schaukeln standen, die träge hin und her schwankten wie auf dem Rücken liegende Käfer. Man war stehengeblieben vor Zelten, in denen Schach- und Scrabble-Meisterschaften ausgetragen, zu einem anderen Glauben konvertiert, oder über Umweltverschmutzung aufgeklärt wurde. Man war vorbeigegangen an einem Sportplatz mit Volley- und Fussballfeldern, weiter an einem Turm, von dem man sich aus einer Höhe von 6m auf ein Luftkissen fallen lassen konnte, an einem Riesenrad, einer Bungee-Jump-Station, dem Cirque du Sziget, schliesslich einem Fitnesscenter, wo braungebrannte, stählerne Oberkörper bestaunt (oder bemitleidet) werden konnten, die von ihrem Besitzer gerade zu neuen Rekorden angetrieben wurden. Diese letzte Station blieb mir am lebhaftesten in Erinnerung. Wahrscheinlich wegen all dem Testosteron, das da durch die Gegend geschleudert wurde.

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Keine Erwähnung fanden bis jetzt die zahllosen Bühnen, die irgendwo zwischen dem südlichsten Punkt der Insel, der Europe Stage und unserem Zeltplatz am nördlichen Ende hingepflanzt wurden und ebenfalls Spektakel boten, sich aber gegen eine harte Konkurrenz zu behaupten hatten. Tatsächlich drohten die Konzerte im Getümmel des Festivals jeweils ein bisschen unterzugehen. Nicht selten kam es vor, dass man auf dem Weg an ein Konzert hängen blieb bei einem Stand, an dem gerade zwei Angeheiterte versuchten, in einem Hamsterrad zu laufen – oder man sich verfing in einem der unzähligen Geruchsvorhänge. Welche Konzerte wir trotz Vergesslichkeit und Erlebnispfad nicht verpassten, erfährt man im dritten und letzten Teil.

 

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