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Genre: Festival

“I heard this is the island of freedom?” krächzt Skrillex und streckt dem Publikum das Mikrofon entgegen wie ein Speer. Breitbeinig steht er auf dem DJ-Pult, die langen schwarzen Haare kleben ihm im Gesicht, er ringt nach Luft. Das Bild erinnert an jenen Moment in Braveheart, als sich Mel Gibson ein letztes Mal vor seinen Kriegern aufbaut, um sie moralisch zu rüsten für den finalen, alles entscheidenden Kampf.
Noch bevor sich die umissverständliche Antwort des Publikums (“YEEEEEEEES!!!”) in der klaren Sommernacht verliert, beugt sich der kleine hagere Mann mit dem Sidecut über sein Equipment, kreist mit den Fingern drohend über einem Knopf und schreit aus Leibeskraft: “So go fucking craaazy!”. Wild wie ein Tier stürzt sich Skrillex vom DJ-Pult, über dem tobenden Menschenmeer entlädt sich ein Gewitter aus Beats und Bässen, farbige Rauchfontänen schiessen aus der Bühnenverkleidung, Laserstrahlen durchlöchern die Nebelwand, die Visuals auf den LED-Screens zucken hysterisch – der Kampf um die Freiheit geht in die nächste Runde. Die Menschen tanzen ekstatisch bis in die hintersten Reihen, es regnet Bier, man liegt sich in den Armen, es wird gelacht, geraucht, gesoffen, ausgezogen, geglotzt, geküsst, gehalten, geträumt, dem Geruch nach auch gekotzt – alles scheiss egal. Man ist jetzt frei.
Es ist Mittwoch Abend und das Sziget Festival taumelt seinem ersten Höhepunkt entgegen. Rund 65’000 Menschen sind gekommen, um in den archaischen Dubstep-Beats des Musikers und Produzenten Skrillex aufzugehen und sich ein Stück jener Freiheit zu sichern, die ihnen dieses Festival versprochen hat und nicht müde wurde, dies zu wiederholen. Doch eines nach dem anderen.

Begonnen hatte das Sziget mit einem Kraftakt. Die Reise nach Budapest war skizziert worden als dreitätiger Roadtrip mit Boxenstopps in München, Linz, St. Pölten, Wien. Ein Plan, der sich bereits nach den ersten paar Autobahnkilometern im Fahrtwind verlor. Zurück blieb die Vorfreude, die uns vor sich her peitschte, vorbei an München, vorbei an Linz, vorbei an St. Pölten. Als wir uns 28 Stunden nach Abfahrt in Baden vor den Toren des Sziget Festivals wiederfanden, waren wir aber froh darüber, einen Tag früher als geplant angekommen zu sein. Abgesehen von einem nächtlichen Zwischenhalt in Wien, den wir unter dem farbigen Sternenhimmel des Clubs Chelsea verbrachten, waren wir durchgefahren und hatten nun genügend Zeit, den Anmelde-Parcours zu durchlaufen, der uns hier erwartete.

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Hätten wir die Herausforderungen, die sich uns am Eingang stellten, am Tag unseres Konzerts in Angriff nehmen müssen – wir hätten wohl nie eine Bühne betreten. Nicht weniger als fünf Stunden nahm es in Anspruch, alle organisatorischen Dinge zu klären, Bändel zu tauschen, Verträge zu unterschreiben, unser Gefährt im richtigen Parking unterzubringen und einen Zeltplatz zu finden, der nicht an eine ToiToi-Siedlung oder Strassenkreuzung grenzte. Zudem mussten wir ernüchtert feststellen, dass unser grösster Hoffnungsträger, der “Artist”-Badge, weitaus weniger Autorität ausstrahlte, als wir annahmen. Es gehört an solchen Anlässen zu den Pflichten einer kleinen unbedeutenden Band, nichts unversucht zu lassen, um sich Zugang zu verschaffen zu den Privilegien, die ein Festival wie das Sziget für die tatsächlich wichtigen Menschen bereit hielt. Natürlich hatte man sich hier aber schon lange auf solche Spassvögel eingestellt und wir mussten auf einen Gratisparkplatz genauso verzichten wie auf VIP-Camping. Ein Versuch war’s wert.

Die Sonne hatte sich bereits verabschiedet, als der letzte Hering in der trockenen Sziget-Erde versenkt, das Auto parkiert und unser Gepäck im Zelt verstaut war und wir uns endlich aufmachten, die “Island Of Freedom” zu erkunden, die bis Sonntag 400’000 Menschen aufnehmen würde. (…folgt in Teil 2)

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