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Genre: Pop | Trip Hop

Die Konzertreihe im Zürcher Kaufleuten nennt sich Summer Sounds, und dieser Name passt für einmal sehr gut zum sich zu Ende neigenden Tag mit Temperaturen jenseits der 30 Grad. Die anstrengende Luftfeuchtigkeit trug ihren Rest dazu bei, dass wohl nur wenige Zuschauer traurig waren, dem bevorstehenden Konzert der Gernfer Band Aloan nicht Open-Air sondern im klimatisierten Festsaal am Pelikan Platz beizuwohnen.

„No Fear, No Bravery“ nennt sich das fünfte und neuste Album der Romands, die bereits in der Vergangenheit mit ihrem Mix aus Trip-Hop, Rock, Pop, Surf und Rockabilly auch über die Landesgrenze hinweg im Vorprogramm von Grössen wie Joe Cocker oder Morcheeba auftreten durften.

Anlässlich der ersten Show auf ihrer „No Fear, No Bravery“-Tour haben wir Sängerin Lyn M und MC David Granite zum Interview getroffen, um über das neue Album, Mut und die Musikkultur in der Schweiz zu sprechen.

Fingerzeig:
Zehn Jahre ist es her, dass ihr euer erstes Album präsentiert habt. Was hat sich seither verändert?

Lyn: Grundsätzlich machen wir noch auf die genau gleiche Art und Weise Musik wie vor zehn Jahren. Verändert hat sich vor allem der eigene Anspruch an unsere Musik. Man hat Angst, Songs zu schreiben, die nicht so gut sind wie wir sein könnten. Aber auch von aussen ist der Druck spürbarer geworden, ein Album zu produzieren, das sowohl Fans als auch Kritikern gefällt. Das ist aber nichts Schlechtes, weil es bedeutet, mehr Menschen kennen und interessieren sich für uns.

FZ: Und wie fühlt ihr euch jetzt, wo das Album fertig ist?

Lyn: Sehr, sehr gut. Die Arbeit an diesem Album hat fast zwei Jahre gedauert, und wir sind froh, dass wir endlich damit zu den Leuten können.

FZ: Wie und wo ist „No Fear, No Bravery“ entstanden?

David: Unser „Brain“, Alain (Drums) komponiert konstant neue Songs. Nachdem viel neues Material vorhanden war, haben sich Lyn und Alain zurückgezogen, etwas isoliert und versucht aus diesen vorhandenen Songs das rauszufiltern, was sich am meisten nach dem Sound, welchen wir uns für das neue Album wünschten, anhörte. Um diese Basis, es waren vielleicht drei oder vier Songs, ist dann das komplette Album entstanden. Zu guter Letzt, wenn eigentliche alles schon fertig ist, komm ich und würze das Ganze noch etwas mit meinem Sprechgesang – Fertig! (lacht)

FZ: Euer Album nennt sich „No Fear, No Bravery“, warum?

David: Ohne Angst keinen Mut. Ganz einfach. Sonst bist du einfach naiv. Wir wollen mutig sein, aber dazu braucht es auch die Angst.

FZ: Mutig sein wofür?

David: Ein Musiker in der Schweiz zu sein beispielsweise. Das ist nicht einfach hierzulande. Je mehr Spass etwas macht, desto mehr musst du für berufliche Akzeptanz kämpfen. Das braucht Mut, und da gehört eben auch die Angst dazu.

FZ: Das ist vermutlich nicht das einzige, was am Musikerdasein heutzutage schwierig ist. Wie beurteilt ihr die Veränderung im Musikbusiness?

David: Das ist wahr. Es gibt kein Rezept, wie man heutzutage als Musiker oder Band überleben und erfolgreich sein kann. Es hat sich viel verändert bezüglich den CD-Verkäufen und dem Aufbauen einer Fanbase. Ich bin aber der Meinung, dass diese Veränderung gut ist. Ab dem Moment, wo man Musik auf ein Medium pressen konnte, geschah etwas Seltsames mit der Musik. Labels und Radios bekamen viel Macht. Sie konnten entscheiden, wer erfolgreich ist und wer nicht. Dank dem Internet liegt diese Entscheidung wieder näher beim Konsumenten. Musik gibt es seit tausenden von Jahren, und sie hat immer direkt und live beim Zuhörer stattgefunden. Wir müssen die Musik wieder zurückbringen wohin sie hingehört – auf die Bühne, in die Bar, zum Zuhörer.

Lyn: Ich denke, wir befinden uns noch in einer Übergangsphase. Wir sind immer noch beeinflusst von den Neunziger-Jahren, den hohen CD-Verkäufen und Major-Labels, und wir wissen noch immer nicht genau, wie wir mit diesem Ding „Internet“ umgehen sollen. Ich glaube aber es geht in die richtige Richtung. Was nicht heissen soll, das heute alles gut ist. Das Überangebot an Musik, welches das Internet mit sich bringt, überfordert den Hörer. Weil er plötzlich Zugang zu dieser unglaublichen Menge an Musik hat, setzt sich der Hörer weniger mit der Musik auseinander.

FZ: Und was bedeutet das für die Schweizer Musiklandschaft?

David: Ich glaube für die Schweizer Bands ist diese Veränderung unglaublich positiv. Weil der Hörer überfordert ist mit dem ganzen Angebot und dem Zugang zu Musik aus der ganzen Welt beginnt er sich für das Naheliegende zu interessieren. Der Mensch möchte den Überblick haben, und das schafft er nicht mehr, also beginnt er sich in seiner nächsten Umgebung umzuschauen und merkt: Hey, hier ist ja viel gute Musik um mich herum, die nicht aus Brooklyn oder London kommt, sondern aus meiner Nachbarschaft. Das ist doch viel interessanter, und es ist auch einfacher und günstiger, die Band live zu sehen.

FZ: Die Sache mit der Live-Musik ist aber auch nicht mehr so einfach. Im Song „Stop The Killer“ beschreibt ihr, wie in Genf die Musikkultur getötet wurde, weil es fast keine Lokale mehr gibt, wo Bands auftreten und Leute hingegen können?

Lyn: Dafür müssen wir unbedingt kämpfen. In Genf gab es viele kleine Bars und Clubs wo auch unbekannte Bands auftreten konnten. Diese gibt es nicht mehr. Wir Genfer, damit meine ich den Stimmbürger, haben uns für Geld, Politik und Wirtschaft entschieden. Da blieb kein Platz mehr für die alternative Kultur. Das ist schlimm und dagegen müssen wir uns wehren. Ohne diese Kultur stirbt ein Teil dieser Gesellschaft oder zieht weg.

FZ: Eure Musik ist nach wie vor stark von Surf und Rockabilly-Einflüssen geprägt. Woher kommt dieser Einfluss?

Lyn: Von mir. Ich liebe diese Musik und die Emotionen, die damit verbunden sind. Sie haben etwas von Freiheit und Rebellion. Diese Komponente ist mir sehr wichtig in unserer Musik.