Reviews

Genre: Pop

Stand and Stare oder Über die Archivierung des Pop

Die schillernde Musikszene Basel hat wieder mal einen neuen Silberling gesprossen, welcher seine Runden durch die Stadt zieht. Das ironische Cover der CD ist auch sinnbildlich, was zu erwarten ist: Drei gestandene Herren in schwarzen Anzügen und weissen Hemden stehen gedankenverloren mit einer qualmenden Zigarette und Whiskey-Glas vor schwarzem Hintergrund. Ein Aufbäumen aus der Zeit der rauchgeschwängerten und musikdurchdrungenen Clubs, welche eigentlich vom WWF als ausgestorbene Spezies geschützt werden sollten – und das sage ich als Nichtraucher.

Matthias Wilde hat seine Mannen zusammengetrommelt und sich mit ihnen in den unendlichen Weiten der Popmusik auf die Suche nach dem heiligen Gral gemacht. Auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Dieser wurde zwar nicht entdeckt, doch die musikalischen Archäologen haben einiges an Wundern und Tönen in den Ruinen von 50 Jahren Popkultur entdeckt. Wie weit dies auch ihrem Steuermann hinter den Reglern zu verdanken ist, kann nur die Zeit und ein weiteres Album beantworten. Neben dem Trio Wilde, Hidber und Leupin mischte auf diesem Album zum ersten Mal auch Hugh Padgham mit. Seines Zeichens Musikgeschichteschreiber mit unter anderem The Police, Peter Gabriel und vielen weiteren. Doch trotz bombastischer Namen und Kombinationen ist das neue Album geprägt von einer Dezenz und allgemeiner Zurückhaltung. Nicht vom musikalischen Standpunkt her. Mehr von der Grundhaltung.

Pop schaute immer voraus, war nie zufrieden mit dem gegenwärtigen Stand. Wenn er es mal wurde, war es Zeit für eine neue popkulturelle Revolution. 2012 ist diese nicht mehr auf die Musik bezogen. Rihanna bezeichnet sich als Schauspielerin und mimt eine harte Kämpferin mit unfreiwilligen Attacken aufs Zwerchfell. Ok, Battleship ist einfach auch ein schlechter Film und ein unglaublicher Abklatsch von Transformers. Und das ganze vom gleichen Produzenten? WTF!!! Anyway: Immer wie mehr gibt es nun die neue Tendenz des Zurückblickens. Nicht im trendigen Sinn, eher in der Avant-Garde. Bestes Beispiel war das letzte Album von ONEOTRIX POINT NEVER, welches sinnbildlich auch Replica hiess. Aus Fetzen und Samples von vor allem alten Werbungen zimmerte Daniel Lopatin ein wunderbar verwirrt/verwirrendes Album zusammen, welches grade nicht mehr von akutem Zerfall bedroht war. Eine filigrane Musikarbeit, welche ihresgleichen sucht. Das Resultat bei Wilde ist zwar ein völlig Anderes, doch ideell ist es verwandt. Madonna sucht verzweifelt in der Zukunft nach der neuen Popformel. Wilde schaut zurück, gräbt um, sucht nach vergangenen Ideen und Zitaten. Musikarchäologie in Reinform. Neues kann dadurch nicht entstehen, was aber nichts über die Daseins-Berechtigung aussagt. In einer gewissen Form ist es ein Popentwurf-Sampling, welches immer wie mehr angewandt wird. Damit meine ich nicht die grässlichen House-Cover-Versionen, sondern Grundkonzepte. Was hat früher wie und warum gut funktioniert? Gibt es einen Grund, dass dies nicht mehr praktiziert wird? Es sind die gleichen Fragen, welche Jack White antreiben, in einem seit den 60ern fast unangetasteten Studio in England seine Sachen aufzunehmen. Es geht um die Reinheit eines Pops, der über die Musik definiert war und nicht durch ein Branding. Natürlich war auch früher Pop von Vermarktung gezeichnet. Was sich änderte war der Vermarktungswunsch. Früher kam der von der Plattenfirma, jetzt direkt vom Künstler. In diesem Sinne graben Wilde in einem Wühlfeld von verlorenem Pop nach der Musik. Losgelöst vom kommerziellen Standpunkt der Erstveröffentlichung in den vergangenen Tagen. Und somit passt auch das Cover, wie kein zweites.

Es wurde ein schönes Album, welches immer dann am besten funktioniert, wenn feine Orchestrierungen, Choreinsätze, Querflöten, Triangel und spanisches Gitarrengezupfe im Amalgam der Soundfetzen ein erweitertes Ganzes generieren und dies gleichzeitig zelebrieren. Diese Suche, der Weg ist spannender als jeder perfekte Popsong. Warum? Hier hat man eine archivarische Arbeit auf einer CD vereint. Ein perfekter Popsong wird nach einer Woche, einem Monat, einem Jahr abgelöst durch den passenderen perfekten Popsong.(FAD)

Anspieltipps. Der rumpelnd northern soulige Opener Wall of Lies und der psychedelisch aufgeladene PopSong Take Your Breath Away.