Reviews

Genre: Blues | Rock

Ein Doppel-Album in Vinyl, ein feines Souvenir von guten Musikerinnen und Musikern aus Basel

Lieber Olivier (Joliat), Lieber Luc (Montini)

Egal in welcher Wüste man sich wieder findet, am Abend, da gehen am Firmament die Leichtlein auf und schnell vergisst man dabei, dass der Blick nach oben ein Blick in die Vergangenheit ist – zurück zum Glück. In der Wüste zu Basel, wo man sich schon bald von Campus zu Campus verirren kann, gibt es natürlich keine Wüste. Ihr denkt jetzt vielleicht, das ist doch Ansichtssache, aber darüber liesse es sich auch gut streiten. Vielleicht ist Basel ja einfach nur ein Loch. Ein Loch, wo man gar nicht mal so tief, aber permanent auf die Schnauze fällt. Wahrscheinlicher aber ist Basel wohl eher ein Vogelkäfig, wo Menschen leben, die verwandelte Vögel sind, bis der nächste Basilisk sie vom Schicksal befreit. Die meisten trifft man schwarz gekleidet und nur wenige sind so ungestuzte, bunte Vögel wie ihr Zwei. (Für alle die wirklich gerne Bücher lesen, empfehle ich an dieser Stelle «The Birds of Basle» von Marian Parry. Ein ziemlich alter Schinken, reich illustriert und mit viel Lokalkolorit – erschienen 1967. Antiquarisch noch greifbar und mit diesem unbestechlichen Blick von aussen verfasst, bei dem selbst unsere Stadtwachtel -minu ganz neidisch wird.)

Dass das vergessene Buch nie zum Skandal wurde liegt wohl daran, dass man es auf Englisch veröffentlichte (nicht nur, Herr Sommer: Schauen sie mal hier). Heute nun und das wollen wir nicht vergessen, da gibt es in Basel Frühenglisch und deshalb wissen alle (auch wir Altgebackenen), dass eure The Dessert Session als Nachspeise gedacht ist. All You Can Eat! Euer Studio – das One Drop – war also gar kein Wüsten-Camp, sondern eine süsse Backstube, und folglich ist euer Produkt kein trockener Sandsturm, eher ein doppeltes Läggerli (2 x 180 Gramm Vinyl) – wie aus einem Guss. Respekt!

Euer einfaches Rezept (Konzept) kommt authentisch aus dem Ofen und es scheint, als haben alle Ingredienzen (ihr zwei Impressario, 15 Musizierende und ein Grafiker) sich hörbar vertragen. Stück für Stück. Mal süss, mal herb, mal staubtrocken, mal solo – immer genüsslich. The Dessert Session ist ein Zeitdokument geworden und für jede gute Sammlung ein Muss. Ein echter Sampler! (Einwurf Doktor Fisch: So sei es! «All You Can Drink» hätte mir als Titel aber besser gefallen, hösch!)

Aber eben. Muss man denn immer alles gut finden? Darf man denn nicht einfach sagen: «Soone Saich!» ohne gleich in die Friedmatt abgeschoben zu werden – als alter Sack, als Bettnässer? Ist denn das ganze Projekt wirklich so arschglatt abgelaufen wie es daherkommt? Ich meine und differenziere: Vier Tage und Nächte im Backofen, das müsste doch etwas mehr hergeben, als auf dem Umschlag ersichtlich, bzw. über die Rille hörbar ist (Einwurf Doktor Fisch: Genau! Allein die 800 leeren Bierdosen …) Hat denn der Herr Grafiker sein Werk auch live im Studio fabriziert oder zu Hause «Eine schrecklich nette Familie» geschaut, gab es denn keine Zwischenkommentare ins Mikrofon? Etwas mehr Anekdoten in Ton, Bild und Text, zum Beispiel in Form eines umfangreichen Inner Sleeves, hätten dem Produkt mehr Ewigkeit beschert. (Einwurf Doktor Fisch: Ewigkeit? Rock’n’Roll in die Fresse und zwar jetzt, hösch! Ewigkeit ist was für schwuchtlige Päpste und Selbstmordattentäter!)

Wie einen guten Wein, werde ich The Dessert Session erstmals lagern und in ein paar Jahren wieder hervorholen. Ein Sammler wie ich bin, werde ich den Wert zu schätzen wissen.
Mit einem Blick zurück zum Glück (aus dem Jahr 2020),

Von Christian Sommer - www.rfv.ch

PS: Für alle die ihren Plattenspieler im Keller gelagert haben, empfiehlt es sich trotzdem zuzugreifen. Denn im Kauf inbegriffen versteckt sich ein simpler Download-Code und der, das muss man sagen, funktioniert prima!!!!
PPS: Wer hat 1989 meine Doppel LP «Thin King», (Vision Label) im Hirschi Keller geklaut?

The Artists bei The Dessert Session
in alphabetischer Reihenfolge:

Mish Borer (R.I.P), Gabriel Brönnimann, Stephan Brunner, Joachim Feyfar, Olivier Joliat, Jana Kouril, Serge Krebs, Marlon McNeill, Jaro Milko, Eve Monney, Luc Montini, Thom Nagy, Giacun Schmid,Samuel Schmidiger, Philippe Setzepfand, Romy Stihl und Antony «Tony» Thomas

Discography

2010 All You Can Eat


BSounds Interview

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