Reviews

Genre: Metal | Rock

Eine sehr persönliche, verschraubte Plattenkritik

Eine neue CD von b°tong nennt sich «Hysteria». Der musikalische Tagebuch-Eintrag stammt aus dem Jahr 2007 und ist nun – bzw. vor geraumer Zeit – bei Gear Of Sand (USA) und Verato Projekt (D) erschienen.Was folgt, ist ein Versuch die akribische Penetranz des Werkes wiederzugeben, denn eigentlich gehört es gehört oder gesehen und nicht unbedingt gelesen. Wir stellen drei Fragen.

Lieber b°tong – «alter Schwede» (!)

Ich habe mich eingelassen und eingerichtet. Der Computer ist bereit, die erste Bierdose geöffnet, die Chips sind von Zweifel und der Kopfhörer am Platz. Ich habe mir vorgenommen, wie Du es empfohlen hast, alle acht Tracks am Stück zu hören und dann das – NICHTS! Also, nochmals rein und raus, bis die kleine Scheibe «Marke Audio-CD» erscheint und Ton ab: Deutsches Radio Moskau. Ein Hauch von Zarah Leander liegt in der Luft. Langwellenröhren. Sparwasserlicht. Hagel und Granaten. Mietskasernenalltag im zweiten UG. Um die Ecke wartet Indiana Joe, mit der blitzenden Klinge unter dem Kreuze. Endlos Kellerabteile, abgeschlossene und andere. Ein Labyrinth aus Beton, Holzlatten und eijafiakulliertem Gewebe. Verschlagenes. Schwitzende Waben und kriechende Leitungen. Keuchender Aktionismus und Überbleibsel, versprayt, modernd. Schwingungen ohne Rhythmus. Im Raum der Zeit. Eine Ewigkeit.

Ein Kampusch des Grauens. Ich bleibe, denn Du hast meine Füsse auf das Parkett genagelt.

Unaufhörlicher Albtraum, staubgesaugte Elektrizität. Prickelndes Pulver und blasse Erinnerungen. Sandsäcke aus Verdun und Kisten. Kisten und Schachteln und Analoges, in Plastik verpackt. Hermetisch der Luft beraubt und dem Eigenleben überlassen. Pilze produzierend. Ein schimmelnder Wahnsinn zwischen Altlasten. Grabbelndes und zu Tode gegrabbeltes. Wasser und darüber Erde, ein ganzes Meer. Der Anfang ist das Ende.

Lieber Chris, Du bist mit deinem Talent wieder einmal tief hinabgestiegen. Nach 31 Minuten und 48 Sekunden erschleicht mich das Gefühl, dass ich nicht mehr gebraucht werde. Wie hast Du das bloss wieder geschafft? Bist Du eigentlich noch immer Vegetarier?

Du bist ein wirklich Weitgereister, in Sachen Untergrund, und ich wette, Du kennst die Marken aller Dohlendeckel dieser Welt. So herausragend Du mit Klang eine Sphäre geschaffen hast, soso lala ist die Verpackung gelungen: Als Titelbild wählst Du einen Fliegenkopf. Ein Geschwür aus Fessenheim, in Herzform gedrückt, aufgepumpt und in einen Brennnessel-Slip gesteckt. Im Zweiten zeigst Du mir Damiens 70 Millionen-Euro-Schädel. Bekreuzigt, mit Schlangenhaut überzogen, invertiert und umbenennt (EL SECRETO DEL GRAN INVENTOR) und auf der Scheibe schliesslich das «Sigillum Dei», das Siegel Gottes, mooshammerfarben und weichgezeichnet.

Temblores! Im Einzelnen sind die Illustrationen ja ganz nett aber das ganze Düster-Ding ist doch Balaton! Da hat sich dein innerer Punk gemeldet. Du willst doch nicht wirklich, auf deine alten Tage, mit den Erzengeln Kontakt aufnehmen?

Klaus würde sagen, dass «Hysteria» eine Geschmackssache ist. Ich sage, es ist gut, dass «hysteria» auf 100 Stück limitiert ist.

Es gibt schon genügend Leichen in den Kellern dieser Welt und 100 Stück mehr, sind denn auch kein Grund zur Hysterie. Die Wahrheit ist das Schreckliche am Ende.

Herzlichst getrieben,

Christian Sommer - www.rfv.ch

Discography

2008 Structures

2010 Hysteria

Tracks - Hysteria

1 Unlimited Release  /  2 Awakening  /  3 Tremor  /  4 Diaspora /  5 Damage Receive /  6 Heartbeat (Broken) / 7 Fragile Package  /  8 As Specified