by Adam Schwarz

Books

Diktatoren schreiben gerne Bücher. Meistens sind es politische Abhandlungen oder Autobiografien, Literatur produzieren nur wenige. Saddam Hussein schenkte der Welt einen historischen Liebesroman. Und Josef Stalin besang lange vor seiner Machtergreifung Blumen in Gedichten.

Auch das beliebte Fasnachtssujet Muammar al-Gaddafi reiht sich in diese Tradition ein. Anfangs der Neunzigerjahre schrieb er „Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten“. Ein Despot muss sich nicht kurz halten, auch im Titel nicht. Das Werk lässt sich kaum einem Genre zuordnen. Ist es eine Sammlung von Geschichten? Das Bekenntnisschreiben eines Paranoikers? Eine politische Abhandlung, getarnt als Satire? Die meisten der zwölf Texte sind aus Gaddafis eigener Sicht erzählt.

In „Der Tod“ schildert er den Tod seines Vaters und die eigene Angst vor dem Sterben: „Wo ihr auch seid, wird euch der Tod erreichen.“. Der Erzähler von „Die Flucht in die Hölle“ dagegen scheint auf den ersten Blick nur wenig mit dem Diktator zu tun zu haben, ist er doch ein armer alter Beduine: „Ich bin ein Mensch wie ihr. Ich liebe Äpfel.“ Dieser Mann berichtet, wie ihn der Pöbel in die Hölle getrieben hat. „Euer Atem verfolgt mich wie rasende Hunde.“ Gaddafi scheint sich sehr mit diesem Alten zu identifizieren. Dieser Text zeigt seine Paranoia sehr schön.

Sein Weltbild ist kaum mit dem der meisten Leser kompatibel. Mit dem ersten Text hat er eine Art Manifest gegen das urbane Hipstertum geschrieben, geschwängert von schwarzweissen Verfolgungsfantasien: „Nehmt es nicht hin, dass sich eure Kinder zu Ratten entwickeln, die von Loch zu Loch und von Bordstein zu Bordstein ziehen“, schreibt der Diktator. Auch seine Wissenschaftsfeindlichkeit und sein Antisemitismus werden nicht auf Begeisterung stossen. Dazu kommt, dass sein Stil sehr eigen ist, unorganisiert und ausufernd. Manche Sätze ergeben für den westlichen Leser keinen Sinn, weil sie Anspielungen auf den Koran oder die Geschichte Libyens sind. Das Buch ist durchzogen von Zynismus und Verfolgungswahn, gemischt mit propagandistischen Lobpreisungen des Landlebens.

Ein kritischer Lektor hätte dem Despoten gut getan, denn auch nach der Lektüre weiss man nicht so recht, was eigentlich der Kerl eigentlich wollte. Klar ist dagegen, wie er sich selbst sah. Das letzte Kapitel zeigt es: als Fastentrommler. Fastentrommler wecken während des Ramadans die Schläfer, damit sie noch etwas essen können, bevor die Sonne aufgeht. Der Fastentrommler ist für den Diktator „nicht der Allgemeinheit der Menschen gleich.” Es ist leicht zu erraten, an wen er da noch dachte. Dabei übersah er jedoch, dass Fastentrommler vom Volk geliebt werden. Despoten dagegen können jederzeit gestürzt werden. Da hilft es auch nichts, das sich Gaddafi nicht als solcher sah, sondern als „Wohltäter aus der Wüste“. Er behielt zum Schluss in seinem Verfolgungswahn Recht. Mit dem Buch hat er sein eigenes Ende vorweggenommen, denn sein Leben wirklich mit einer Flucht in die Hölle, verfolgt von einem gewaltigen Strom, „der mit keinem Mitleid hat.“

Wer „Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten“ lesen will, sollte sich in Bibliotheken und Antiquariaten umsehen. Sowohl die deutsche wie die englische Übersetzung sind längst vergriffen. Die Lektüre lohnt sich hauptsächlich für diejenige, die schon immer einige Zeit im wirren Kopf eines Diktators verbringen wollten. Gaddafis Ansichten sind für einmal tatsächlich stranger than fiction.