by Adam Schwarz

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Der teuerste Kaffee der Welt heisst „Kopi Luwak“ und wird aus den Exkrementen des Fleckenmusangs gewonnen. Er soll fabelhaft schmecken, wenn man sich überwinden kann, ihn zu trinken. Beschreibungen sind so was wie der Kopi Luwak der Literatur. Die einen lieben sie und können sich für jede Nuance begeistern. Für die anderen handelt grösstenteils um Scheisse.

„Kennen Sie den Kampf der Fetten und der Mageren“, fragt der Maler Claire die Hauptfigur etwa in der Mitte des Romanes. Der Titel lässt bereits erahnen, was für eine grosse Rolle das Essen darin spielt: „Der Bauch von Paris“. Der Bauch von Paris, das waren um 1858 die „Halles de Paris“. In deren Nähe wird eines frühen Morgens ein halbverhungerten Mann von den Wägen aufgelesen, die die Hallen mit Gemüse beliefern. Florent ist der Verbannung auf die Teufelsinsel entkommen. Verbannt wurde er für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Er wird von seinem Halbbruder Quenu aufgenommen. Der ist inzwischen erfolgreicher Fleischer geworden, so erfolgreich, dass er es seinen Wohlstandsbauch morgens in der Sonne wärmt. Zwar verzichtet der bescheidene Florent auf den Erbteil, der ihm eigentlich zusteht. Das beruhigt Quenus ebenso korpulente Frau Lisa Gradelle. Aber dass er sich von der Familie durchfüttern lässt, ohne zu arbeiten, empört sie aufs Äusserste. So wird Florent Marktaufseher. Kein Job, der besonders zu ihm passt, schließlich hält der magere Denker den Ort für einen Sündenpfuhl und Fresstempel. Die Marktfrauen wiederum widert der „schlechte Esser“ an.  So wird er beschimpft und verspottet, wenn er durch die Hallen schleicht. Aufgehoben fühlt er sich nur, wenn er sich mit anderen Revolutionären in einem Café trifft. Diese Treffen werden von seinen dicken Verwandten nicht gerne jedoch gesehen – schließlich gefährden sie ihren Status, besonders, da die alte Frau Saget Gerüchte zu verbreiten beginnt. Der Dürre bedroht den Lebensstil der Dicken, der sich um die Markthallen dreht, die Florent so verachtet.

Émile Zola selbst verbrachte Tage in den Markthallen. Zu allen Tageszeiten und bei jedem Wetter hielt er ihre Facetten fest. Sogar eine ganze Nacht brachte er in ihnen zu. Der Roman ist also keine schlechte Quelle, um etwas über das Paris der späten 1850er-Jahre zu erfahren. Aber eben: Beschreibungen! Beschreibungen von Frauen, von Männern, Kindern, Tieren, und, natürlich: Nahrungsmitteln. Nur schon dem Interieur der Metzgerei der Quenu-Gradelles widmet sich Zola wieder und wieder. Es sieht jedes Mal anders aus. Als die Familie fürchtet, wegen Florent verhaftet zu werden, sind die sonst so rosigen Rinderzungen in der Auslage plötzlich weiß und kränklich. Der Roman ist stellenweise sehr satirisch. Zola legt die heuchlerischen Gedankengänge der fetten Bürger des neunzehnten Jahrhunderts bloß. Nur gehen diese Gedankengänge zuweilen in den Kohl- und Fischköpfen der Markthalle unter. Denn die heimliche Hauptfigur sind die Markthallen selbst.

Adam Schwarz

Das Foto stammt von Flickr-User permanently scatterbrained.