by Adam Schwarz

Books

A case for “The Tin Drum”

Vielleicht liegt „die Blechtrommel“ schon bei dir zuhause herum. In der verstaubtesten oberen Ecke deines Kleiderschrankes. Oder, wie ein Bekannter etwas freudlos bemerkte, als er den Roman in meinen Händen sah: „Ah. Ein Klassiker.“ Vielleicht hast du das Buch einst aus literarischem Schuldgefühl heraus gekauft. Ähnlich, wie wenn man zusammen mit dem Sixpack Bier und den Chips einen Salatkopf mitersteht, den man dann im Kühlschrank vergisst. Dennoch wären das gute Nachrichten. Du müsstest das Buch dann nach der Lektüre dieser Kritik nicht einmal mehr kaufen, bloss aufschlagen.

Es ist schwer zu sagen, weshalb Leute, die das Buch nicht kennen, der Meinung sind, es sei langweilig und brav. Wahrscheinlich ist der Schulunterricht schuld, der das Wort „Klassiker“ für viele vergiftet hat. Dabei war es doch der Anspruch des Autors, mit diesem Roman „den Kleinbürgern aller Länder verquer zu sein.“ Und tatsächlich ist er immer noch provokativ: Die Verfilmung von 1979 ist gar in Teilen Kanadas und der USA verboten. Das Buch wird nicht immer noch gelesen, weil es ein Klassiker ist. Sondern es ist ein Klassiker, weil es immer noch gelesen wird. Und es wird immer noch gelesen, weil es voller origineller Einfälle ist.

Es folgt eine Liste von seltsamen Ereignissen im Roman:

> Brausepulversex mit einem mehr- oder minderjährigen Zwerg

> Ein Mann verschluckt aus Angst seinen Naziorden und stirbt daran

> Verfluchte Schiffsfiguren, die Männer sterben lassen

> Eine Trommel, die Leute zum Diebstahl verführt …

> … und Naziaufmärsche zum Walzertanzen bringt

> Schwarze Messen

> Brandstiftung

> Aus dem Meer gefischte Pferdeköpfe, die Aale auskotzen

> Ein Nachtklub, in den man geht, um sich von Zwiebeln zum Heulen bringen zu lassen

> Verrückte, die den Tag damit zubringen, am Friedhofstor auf Trauerende zu warten, um ihnen ihr Beileid auszusprechen

Hauptfigur und Erzähler der „Blechtrommel“ ist Oskar Matzerath, der mit drei Jahren beschliesst, nicht mehr zu wachsen, um seine Umwelt über seine geistigen Fähigkeiten zu täuschen. Schliesslich will er nicht im Lebensmittelladen seines mutmasslichen Vaters Alfred Matzerath arbeiten müssen, einem Rheinländer Hobbykoch, der seine Liebe nur durch Gerichte ausdrücken kann. Lieber möchte er sich unter den vier Röcken seiner Grossmutter vor der Welt verstecken. Oskar erzählt seine Geschichte im Nachhinein, denn mittlerweile ist er erwachsen (und sogar etwas gewachsen). Er ist Anstaltsinsasse. In der Heil- und Pflegeanstalt findet er die Zeit, um sich Papier, Stift und Blechtrommel zu nehmen und den ganzen Irrsinn der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts niederzuschreiben, von der Kindheit im Danzig (heute Gdańsk) der 20er-Jahre über die Nazizeit bis hin zum Biedermeier der Nachkriegszeit. Alles durch die Augen des ewig zu klein Geratenen gesehen. Die titelgebende Blechtrommel erhält Oskar mit drei Jahren. Sie ist seine Geheimwaffe. Dank seiner Trommel und einer Stimme, die Glas zersingt, gelingt es ihm, sich gegen die Erwachsenen zu behaupten.

Man sollte die Blechtrommel lesen, wenn man eine satirische Sicht auf Polen und Deutschland in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts erhalten will. Und man sollte sie lesen, wenn man Bücher schätzt, die alle Sinne ansprechen, sei es im Guten wie im Schlechten. Denn wenn Grass etwas kann, dann ist es, Dinge zu beschreiben. Er lässt seine gewaltige Sprache auf alles los, was seinem Protagonisten vor Augen, Nase, Mund kommt. Manchmal zeigt sich dabei die Schönheit der Welt, öfter deren Bösartigkeit. Vielleicht hat Oskar Mazerath darum zwei Lehrmeister (mehr Bücher liest er nämlich nicht): den Zarenschreck Rasputin und den Dichterfürsten Goethe. Und auch Grass selbst scheint zwischen diesen zwei Extremen zu bewegen, dem schwarzen Geistheiler und dem lichten Klassiker. Man muss ihn ja nicht wegen seiner zweiten Persönlichkeit lesen.