by Adam Schwarz

Books

Wenn mir mein Grossvater aus seinem Leben erzählte, beschränkte er sich auf Bruchstücke. Er ordnete seine Anekdoten nicht chronologisch. Und doch zeigte sich in diesen Erlebnisfetzen der ganze Mensch. Hörte ich ihm zu, so ordneten sich seine Geschichten von alleine. Einzelne Anekdoten genügen, um ein Leben zu skizzieren. Wen interessiert, was einer tagein, tagaus getan hat? Es sind die Höhe- und Tiefpunkte, die zählen.

Und deshalb kann man ein Leben auf 115 Seiten erzählen. Jedenfalls kann es Denis Johnson. Seine Erzählung „Train Dreams“ ist so unchronologisch aufgebaut wie die Geschichten meines Grossvaters. Sie berichtet vom Leben des Robert Grainier, einem Tagelöhner aus Idaho, und umspannt auf wenigen Seiten die Zeit von 1886 bis 1968.

Die novella setzt im Sommer 1917 ein. Grainier nimmt an der Ermordung eines chinesischen Arbeiters teil, der die Company bestohlen haben soll. Die Arbeiter jagen ihn über eine halbfertige Eisenbahnbrücke. Er entkommt. Wie in einem Film hangelt er sich der Brücke entlang, aber nicht, ohne vorher Grainier und die anderen zu verfluchen. Diesen Moment wird der Tagelöhner sein Leben lang nicht vergessen. Immer wieder schreibt er das Unglück, das ihm widerfährt, diesem Ereignis zu. Allen voran den Tod seiner Familie. Seine junge Frau Gladys und der Säugling Kate kommen in einem Waldbrand um, der das ganze Moyea Valley in ein Aschetal verwandelt. Johnson lässt Grainiers Erinnerung an Gladys‘ Tod unmittelbar auf die an ihre erste Begegnung folgen. So funktioniert Erinnern nun einmal. Dass dies den Waldbrand für den Leser noch bedrückender macht, weiß Johnson ganz genau. Was den Umgang mit der Zeit angeht, könnte er Quentin Tarantinos Bruder sein, wären seine Bücher nicht so trostlos und trocken. Er greift vor, lässt erinnern und nimmt den Tod von Figuren vorweg, bevor er sie weitersprechen lässt. Diese harten literarischen Schnitte machen den Wechsel der Zeiten begreiflich. Etwa wenn Grainier, plötzlich sechzig geworden, jungen Bauarbeitern dabei zusieht, wie sie leichtfertig auf einem Brückengerüst herumturnen, das sich über den Moyea River spannt.

Das Leben, das Grainier nach dem Tod seiner Frau führt, ist einsam und rastlos. Die Höhepunkte sind kaum der Rede wert: Er hat den dicksten Mann der Welt und einen Wolfsjungen gesehen. Und einmal beinahe Elvis Presley. Überhaupt tauchen Wölfe immer wieder auf. Wenn Grainier sie nachts im verwüsteten Moyea Valley hört, beginnt er, mitzuheulen. Später ergibt sich eine unerwartete Begegnung mit einem Wolfsmädchen, das er nur zu gut kennt.

Mit der englischen Sprache geht Johnson sparsam um. Trotzdem hat auch die kleinste Nebenfigur ihren eignen Tonfall. Nur selten lässt er sich dazu hinreissen, poetischer zu reden, als es ein Wanderarbeiter wie Grainier getan haben würde. So entstammen die meisten Vergleiche der Lebenswelt der Figuren. Der Chinese zappelt zum Beispiel „like a weasel in a sack“.

Was meinen Grossvater angeht, bin ich froh, dass dessen Erlebnisse nicht ganz so düster waren. Auch wenn Johnson so ungeordnet wie er erzählt.

“Train Dreams” ist auch auf Deutsch erhältlich, herausgegeben vom Rowohlt Verlag.

Adam Schwarz