by Adam Schwarz

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Patrick Leigh Fermor lebt nicht mehr. Er starb im Juni vor einem Jahr in England, seiner Heimat. Das ist seltsam, denn dieser Schriftsteller verbrachte den Grossteil seines Lebens in der Fremde.

Wie er zur Fremde fand, davon erzählt “Die Zeit der Gaben”. Es handelt sich um den ersten von zwei Bänden, die eine Reise beschreiben, die Fermor als junger Mann unternahm,  mit achtzehn Jahren. Quer durch Europa bis nach Konstantinopel zog es ihn damals. Nachdem er von diversen Schulen geflogen war, sagte er sich, es könne nicht schaden, einmal ausziehen und die Welt zu sehen. Das Jahr seiner Reise: 1933, wie der Klappentext nicht umsonst betont. Zwölf Jahre später liegen viele der Städte, die Fermor besichtigt hat, in Schutt und Asche, von Rotterdam bis Prag. Als der junge Mann Deutschland dem Rhein nach durchquert hatte, waren ihm die Nazis noch eher lächerlich erschienen. Der Zweite Weltkrieg liegt zwischen Fermors Reise und unserer Zeit. Er selbst sollte später als Soldat auf Kreta dienen und einen deutschen Befehlshaber entführen.  Wegen des Krieges, der alles verändert hat, kommt es dem Leser vor, als läge die Reise weiter zurück, als sie tatsächlich liegt.

Sie beginnt im winterlichen Londoner Regen. Nach der Überquerung des Kanals folgt Fermor dem Rhein durch Deutschland bis nach Baden-Württemberg, doch nicht bis zur Quelle. Stattdessen biegt er nach Osten ab und führt den Leser entlang der Donau durch Österreich, die Slowakei und Tschechien. Kurz nach der Ankunft in Ungarn endet das Buch. Wer Fermors Reise bis nach Istanbul weiter folgen will, muss den zweiten Band, “Zwischen Wäldern und Wassern”, zur Hand nehmen.

Leser, die Abenteuer erwarten, sollten zu anderen Reisebeschreibungen greifen. Das Werk fliesst nicht dahin, wie die Flüsse, denen Fermor folgte, es stockt und staut sich. Möglicherweise liegt das daran, dass er den Reisebericht erst mit siebzig Jahren aus dem Gedächtnis verfasste. Immer wieder unterbricht Fermor sich selbst mit seitenlangen kunsthistorischen Ausführungen. Nur manchmal, viel zu selten, blicken Landschaft und Menschen der besuchten Länder durch. Und im Gegensatz zu späteren Reiseschriftstellern, z.B. Bruce Chatwin oder Michael Obert, verkehrt Fermor nur selten mit der einfachen Bevölkerung. Besonders im Österreichkapitel wandert er von einem adeligen Landsitz zum nächsten. Er wird dort stets äusserst freundlich aufgenommen. Ein Hoch auf die Aristokratie! Und selbst wenn es gefährlich wird, zum Beispiel, als Fermor verhaftet wird, weil er draussen übernachtet, oder wenn er zu betteln gezwungen ist, gelingt es seiner Sprache nicht, den Moment zu transportieren. Sie ist zu geschliffen, genau, wie man es von einem Mitglied der „Royal Society of Literature“ erwarten würde.

Patrick Leigh Fermor lebt nicht mehr. Die Zeit, die er beschreibt, das Europa, das er durchwandert, sind nicht mehr. Wer sich dafür interessiert, wie das alte Europa in seinen letzten Jahren aussah, dem kann ich das Buch empfehlen.