by Adam Schwarz

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Am Anfang war das Wort, wenn man gewissen Quellen glaubt. Auf jeden Fall steht es in Arno Camenischs drittem Buch “Ustrinkata” im Mittelpunkt. Die Einheit von Zeit, Ort und Handlung hält der junge Bündner ein: Der Roman handelt von einem Abend in der Bündner Beiz “Helvezia”. Die Stammgäste versammeln sich zur titelgebenden “Ustrinkata”, dem letzten Saufgelage, bevor die Wirtin die Beiz schliesst. Es ist kein psychologisches Buch. Man sieht nicht in die Figuren hinein, ihre tiefsten Gedanken bleiben dem Leser verborgen. Das ginge Camenisch zu weit, das interessiert ihn auch gar nicht, was ihn interessiert, ist, Graubünden abzubilden, wie es ist, oder vielmehr war. Und, noch wichtiger: Dem Bündner Sprachgemisch zu huldigen. Nicht umsonst ist er Mitglied der Spoken-Word-Truppe “Bern ist überall.” Sein Erstling “Sez Ner” war noch auf Räteromanisch und Deutsch geschrieben, links das Deutsche, rechts das Räteromanische. Da ging es um das fade, fremde Leben auf der Alp. “Ustrinkata” hat diese sprachliche Trennung ebenso wenig nötig wie sein zweiter Roman “Hinter dem Bahnhof”. Sursilvan, Deutsch, Schweizerdeutsch, Italienisch, Englisch und so weiter bilden eine überzeugende Einheit, wie man sie selbst hören könnte, wenn man zur rechten Zeit im rechten Ecken des grössten Kantons die Lauscher aufspitzen würde.

Als Leser fühlt man sich wie der Beobachter einer fremden Welt mit ganz eigenem Aberglauben, wenn Camenisch seine Figuren zum Beispiel sagen lässt: “Nur wichtig, mp mp, dass man den Toten sofort die Beine zusammenbindet, nicht dass sie einem noch sechs Wochen lang durchs Haus geistern.” Camenisch erzählt, als hätte er eine Kamera mit in die Beiz genommen und an Ort und Stelle festgeschraubt. Wenn einer die Bühne der Beiz verlässt, sehen wir ihn erst wieder, wenn er durch die andere Türe hereinkommt (weil die Toilettentür nicht mehr aufgegangen ist und er das WC durchs Fenster verlassen musste). Obwohl es im Roman um das Ende einer Ära geht, fehlt dem Roman das grosse Drama. Schließlich findet man es ja auch im Leben selten. Grosse Katastrophen wie Überschwemmungen fassen die Stammgästen lapidar zusammen, um dann darüber zu streiten, in welchem Jahr die Überschwemmung überhaupt statt gefunden hat. Camenisch beschönigt dabei nicht. Es geht ihm aber auch nicht darum, die Provinz als Sündenpfuhl darzustellen. Die Sprache selbst ist die Hauptfigur, sie zeigt sich in den Gesprächen der Stammgäste, mit denen sie sich am Leben halten  Die Worte fliessen dahin wie der junge Rhein, der Wortschwall bricht nie ab, Camenisch gönnt dem Leser keine Pause, indem er das schmale Buch etwa in Kapitel unterteilt. Es ist ein Buch, das man in einer Sitzung lesen, oder besser: hören soll. Die anderen zwei Werke von Camenisch sind bereits als Hörbuch erhältlich, vorgelesen vom Autor selbst.  Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er auch seinen dritten Roman vertonen wird. Auf seiner Homepage kann man unter “audio/video” einige Ausschnitte aus den anderen Hörbüchern hören.

Mehr Informationen auf Arno Camenischs Homepage: http://www.arnocamenisch.ch

Adam Schwarz