by Adam Schwarz

Books

Naked Lunch ist ein krankes, unlesbares, plotloses Buch. Und gerade deswegen interessant. In den Tiefen des Internets finden sich, neben positiven Besprechungen, alle möglichen Verrisse. Ein etwas übergewichtiger Mann mit Bart schwenkt zornig die englische Taschenbuchausgabe und klagt, zweimal habe er es versucht, zwei volle Male – es sei hoffnungslos, er könne die gut 300 Seiten nicht zu Ende zu bringen. Burroughs sei ein Scharlatan, nichts weiter.

Es gibt nicht viele Bücher, die man liest, weil einen das Leben des Autors interessiert. Die meisten Schriftsteller haben ein langweiliges Leben, vielleicht, damit sie um so spannendere Bücher schreiben. Bei Burroughs ist es anders: Sein Leben versteckt sich nicht hinter dem Buch, eher umgekehrt. Der Mann war heroinsüchtig, homosexuell, Waffennarr und tötete seine ebenso süchtige Frau versehentlich, als sie ihn bat, ihr ein Schnapsglas vom Kopf zu schiessen. Später flog Burroughs nach Südamerika, wo er mit der legendären halluzinogenen Droge Yagé experimentierte. Er glaubte, es würde ihn von seiner Sucht befreien. Vergeblich. Stattdessen versumpfte er in Tanger. An einer Stelle im Buch behauptet er, er könne sich nicht mehr an die Niederschrift von „Naked Lunch“ erinnern, hätte es auf Heroin geschrieben. Burroughs Freunde, Jack Kerouac und Allen Ginsberg, zusammen mit ihm Keimzelle der Beat Generation, trugen das Buch aus einem Berg von Blättern zusammen, die sie in der Reihenfolge, die ihnen passend erschien, zusammenhefteten. So müssen wir fast bis zum Schluss warten, um das Vorwort lesen zu können. Man kann sich nicht sicher sein, wer die Hauptfigur des Buches ist. Wahrscheinlich Lee, das Alter Egos des Autors, der zu Beginn vor einem Drogencop im weissen Trenchcoat flieht. Er flieht nach “Westen”, doch nach einigen Seiten Fahrt finden wir uns plötzlich in Interzone wieder, der fiktiven Variante von Marokko, ein Land, in dem verschiedenste Geheimgruppierungen einander massakrieren wollen, sadistische Ärzte Leute mit rostigen Dosendeckeln operieren und jedermann süchtig ist, sei es nach Heroin oder dem “Schwarzen Fleisch” einer Droge, gewonnen aus dem Fleisch riesenhafter schwarzen Tausendfüssler. Die kurzen Kapitel springen von einem bizarren Ort zum nächsten. Die Figuren erscheinen einem wie die Bewohner eines langen Albtraums. Es ist schwer, einen Eindruck dieses Romanes zu vermitteln. Einfacher zu beantworten ist die Frage: Wie kann man ihn lesen? Wer sich nach Interzone begeben will, sollte sich zuerst mit Burroughs Biografie auseinandersetzen. Das liefert einige Haken, an denen man sich festhalten kann, wenn man den monströsen Berg “Naked Lunch” erklimmen will. Anhaltspunkte zum Leben finden sich im ausführlichen Anhang. Eine zweite Voraussetzung ist, die Vernunft auszuschalten. Vielleicht auch die Moral. Der Roman liest sich wie ein Drogentrip und will auch als solcher gehandhabt werden. Nur, wenn man sich ihm überlässt, schafft man es, ihn bis ans Ende zu erleben. Und drittens sollte man sich auf eine spezielle, zynische Art von Humor gefasst machen. Burroughs wollte durchaus etwas mit dem Roman sagen. Für ihn war er eine satirische Anklage gegen die Todesstrafe. Das Machtgefälle zwischen Junkie und Dealer übertrug er auf die ganze Gesellschaft. „Junk“ ist die perfekte Ware. Der Kunde will immer mehr und untersteht völlig der Kontrolle des Dealers. Ein besseres Verhältnis zwischen Konsument und Händler ist nicht denkbar. (ASC)