Montag 11.06.2012, 21:00

Where: Basel
Genre: Blues | Country | Folk | Rock | Singer Songwriter

Ein Mann kommt müde nach Hause, er war lange Wochen unterwegs. Die Bilder hängen noch wie immer, ein bisschen Staub vielleicht, ein paar unwichtige Rechnungen im Briefkasten. Es hat sich nichts verändert. Der Mann spürt, dass er nicht lange bleiben wird. Die Unsicherheiten daheim erscheinen größer als jene dort draußen, die irgendwo unscharf hinter fernen Hügeln lauern. Also doch lieber wieder zurück ins Auto. Dort ist es aufgeräumt und übersichtlich und der Blick ruht immer wieder in der gleichen Richtung: vorne.

Every Story True von Digger Barnes ist ein Americana-Album über das Reisen, dessen Zwänge, Niederlagen, hoffnungslose Momente, Neurosen sowie all die kaputten Gestalten, die man im Laufe eines Musikerlebens von links und rechts des Weges aufsammelt. Every Story True ist eine Platte, die dir ein guter Late Night-DJ mit auf den Highway gibt. Schon Long Way, der Prolog des Albums, weist unmissverständlich den Weg: es geht raus, raus auf die Straße. Und so lamentiert, grummelt und textet sich Digger Barnes durch neun formvollendete Tracks, die in ihrer Entstehung maßgeblich von den letzten Jahren als  durch Europa und die USA tourender Musiker beeinflusst sind.

Ob es die alte Frau ist, die in Pure as Gold in der Fremde nochmal ein neues Leben fernab ihrer Familie beginnt oder der zerfledderte Liebesbrief voller waghalsiger Hätte-Wäre-Könnte-Phantasien, den ein Anhalter in The Letter auf dem Beifahrersitz vergessen hat – Every Story True ist eine Verneigung vor allen Menschen, die ohne große Sicherheiten auskommen, vor Typen die am Brennen sind, sich etwas trauen, Neuanfänge wagen. Verpackt wird all das einmal mehr in typische Digger Barnes-Arrangements und Songstrukturen – klar, schnörkellos und ohne unnützen Zierrat. Musik der einfachen Mittel, dabei filmisch, dicht, verwoben, atmosphärisch.

Trotz seiner tragenden Säulen Gitarre, Banjo und Besen-Schlagzeug klingt Every Story True ein gutes Stück „europäischer“ als der Vorgänger Time Has Come aus dem Jahr 2009, was auch Digger Barnes´ neuerlichem Produzenten Friedrich Paravicini zu verdanken ist, der bei den Aufnahmen wesentlich stärker in den kreativen Prozess eingebunden war. Ab und an mogeln sich nun also vorsichtige Streicher, Vibraphon, Glockenspiel oder diverse Tasteninstrumente unter den geshuffleten Takt und geben einen vorzüglichen Rahmen, wenn in Digger Barnes an manchen Stellen wieder der verschmitze Märchenonkel durchbricht  oder sein gepflegter Schnauzer urplötzlich mit knallbunten Comic-Gesten und pulsierenden Klischees um sich wirft.

Denn auch das bleibt Teil des Digger Barnes-Universums: das Spiel mit Realitäten, Gesten, Zitaten, Schelmereien, ein Keilen gegen diese Farce namens Leben, live unnachahmlich umgesetzt in der Diamond Roadshow, einer Art  düsterem Highway-Varieté zwischen Konzert und der Videokunst von Lowbrow Artist Pencil Quincy, der übrigens auch wieder für das Album-Artwork verantwortlich ist.

Es bleibt am Ende die Erkenntnis, dass sich alles schon irgendwie finden wird. Solange man nur etwas mit seinem Leben anstellt und nicht im heimischen Ohrensessel versauert. Und sollte es auf der langen Reise doch einmal ganz dicke kommen, hält man es am besten wie Digger in seinem Song So Low: Rausgehen und sich ein Beispiel am Schnee nehmen. Denn der ist furchtbar tief gefallen und trotzdem sehr schön anzusehen. -Mario Cetti

Digger Barnes lebt in Hamburg, ist aber lieber auf Tour oder mit seinem kleinen Wohnwagen unterwegs. Zusammen mit dem Grafiker und VJ Pencil Quincy betreibt er das Plattenlabel Barnes & Quincy. Gemeinsam entwickeln sie eine eigene Auftrittsform, die Diamond Road Show, eine musikalische Revue mit live animierten Trickfilmen.

Im Herbst 2009 erscheint nach 2 Vinylsingles und einem Demotape das von der Presse hochgelobte Debutalbum “Time Has Come”.

Von 2008 bis 2010 begibt sich Barnes als Sideman zusätzlich in eine intensive Arbeitsbeziehung mit Chuck Ragan (Hot Water Music), die sich in über 200 Konzerten, 2 Studioalben und einer Liveplatte niederschlägt. Des weiteren ist er in den ersten beiden Jahren ihres Bestehens Teil der Backingband der in den USA stattfindenden Revival Tour und trifft dabei auf Tim Barry (Avail), Jim Ward (At The Drive-In), Joey Cape (Lagwagon), Ben Nichols (Lucero), Tom Gabel (Against Me), Austin Lucas, Jon Snodgrass, Frank Turner u.a.

2012 erscheint das zweite Album “Every Story True” als Splitrelease bei Hometown Caravan und Barnes & Quincy.

Presse:

Digger Barnes ist ein “solitary man”. Sein Werk passt  zu einem düsteren Roadmovie in den staubigen Wüsten von Texas, das an einer verlassenen, schmierigen Tankstelle endet. (Ox)

Alle Stücke verbindet eine Traurigkeit, die erst beim mehrfach hintereinander Durchhören wirklich zum Tragen kommt, dann aber lange hängenbleibt. (Whiskey Soda)

Ein ziellos Umherirrender ist der Hamburger Digger Barnes. Flucht, Stagnation, Rache, Verlust und immer wieder biblische Untergangsszenen sind die düsteren Themen des einsamen Wohnwagenbewohners. Tief in Wüstenrock und Americana à la “Calexico” verwurzelt, erschafft Digger Barnes seine eigene Welt. (taz)