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Genre: Concert

Normalerweise würde der Openairdrang bei angesagten Sturmböen und Gewitterprognosen eher sinken, hält man aber die Karten für ein Archivekonzert in der Hand, bringt einem dies genau in die richtige Stimmung für die wehmütigen und dunklen Töne. So zumindest am Blue Balls Festival in Luzern, an dem das neunköpfige Kollektiv letzten Sonntag sein Können darbot. Während draussen der Sturm tobte, fand drinnen ein düsterer Gottesdienst statt – und die Gläubigen strömten in Scharen ins KKL.

Geben Archive ein Konzert, ist die eingeschworene Fanbase nicht weit. Der Auftritt der Briten, von der Leitung sogar als Lieblingsact des diesjährigen Festivals angekündigt, entführte die Zuschauer einmal mehr an einen anderen Ort, in zuweilen subversive und melancholische Klangwelten.

Eröffnet wurde mit “Distorted Angels”, dem ersten Song auf „Axion“. Nach dem Beifall, den das Kollektiv beim Betreten der Bühne erhielt, versanken die Zuhörer zum Gesang von Pollard Berrier in völlige Stille – so etwas erlebt man bei einem bestens besuchten Konzertsaal selten. Oder anders: Ruft der Priester zum Gebet, hören die Gläubigen andächtig zu. Die Kirchenglocken im Intro von “Axiom” unterstrichen diesen sakralen Charakter. Zu “Transmission Data Terminate” wurde die Bühne ein erstes Mal in Schwarz gehüllt, um dann den Scheinwerferfokus auf Gesang und Drums zu legen. Je weiter sich dieses wunderschöne Stück entwickelte, desto stärker wurde die Bühne bestrahlt. Nicht zu vergessen das Hinzukommen der weiblichen Stimme von Holly Martin, die dem Track durch ihre rauchige Stimme den letzten Schliff verlieh.
Danach leitete die junge Sängerin, die die Tochter eines der eingesessenen Mitglieder sein könnte, zu “You Make Me Feel” über, das sie zusammen mit Maria Q, der zweiten Sängerin der Kombo, im Duett sang. Der Song, einer der ältesten und auch bekannt als musikalischer Hintergrund von L’Oréal-Werbespots, wies die weitere Richtung: Das bereits in Archive’s Klangwelten gefangene Publikum durfte sich nach dem Einblick in ihr neues Schaffen vor allem über alte Songs, mehrheitlich aus den Alben “Controlling Crowds I-III bzw. IV” (2009) und “With Us Until You’re Dead” (2012), freuen. Das erstaunt insofern nicht, als das Archive in den letzten Jahren mehrere Wechsel innerhalb der Gruppe hatten und in aktueller Konstellation erst seit 2006 veröffentlichen. Im Moment jedenfalls darf man den Stimmen je zwei Sänger und Sängerinnen lauschen, die den epischen Sound durch ihre unterschiedlichen Stimmfarben perfektionieren. Wie eingeschworen die Anhänger der Briten sind, wurde hierbei ziemlich klar: Zu “Pills” wurde ab dem ersten Takt freudig mitgeklatscht und bei “Conflict” brach das Publikum in Jubelstürme aus.

Archive könnte eine moderne Interpretation der klassischen Kammerorchester sein; um das Publikum nicht vom livegewebten Klangteppich zu holen, wird die Kommunikation auf ein Minimum (“How are you”) reduziert – anderen Bands würde man Arroganz vorwerfen, bei den Briten würde eine stärkere Interaktion mit dem Publikum eher störend wirken. Die Performance gleicht einem Theaterstück, wo die Hauptakteure durch das Bühnenlicht klar in den Vordergrund gehoben werden oder die nichtbeteiligten Musiker für das jeweilige Stück die Bühne verlassen. Das Können der Mitglieder von Archive wird neben dem perfekten Bühnenspiel zum Beispiel auch durch die live-produzierten Loops deutlich. Anders als am Auftritt beim Montreux Jazz Festival am 15. Juli durfte sich das Luzerner Publikum aber nicht über den Film “Axion” freuen.

Nach zwei Stunden im musikalischen Gewittersturm wurde das Publikum Punkt Zwölf in den strömenden Regen entlassen. Mit auf den Weg gab es die bis heute immer noch unveröffentlichte Gänsehautballade “Signs – Build and Construct”. (Simone Mäder)

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