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Genre: Festival

Wenn sich der Schreibende spät in der Nacht auf Sonntag mit einem französischen Abgang aus der Roten Fabrik verabschieden muss, um sich mit letzter Kraft nach Hause zu retten und dort augenblicklich in ein vierzehnstündiges Koma zu verfallen, dann spricht das für sich. Und es spricht für das Festival, das ihn in diesen Zustand versetzte und ihm eben das letzte Stück Energie abrang.

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Die drei Tage OH SEE hatten es in sich. Und nein, die tiefgreifende Festival-Erschöpfung ist nicht (bloss) auf eine Überbelastung der Leber zurückzuführen. Bedeutend mehr Material zu verarbeiten hatten an diesem Wochenende die Sinne. Über 20 Bands und DJs aus den verschiedensten Ecken der Musikwelt beschallten während drei Festivaltagen von insgesamt vier(!) Bühnen herab die zahlreichen Besucher. Entscheidend für die ungewohnt hohe Intensität des Festivals war aber nicht in erster Linie die musikalische Vielfalt, sondern der Rhythmus, in dem diese Vielfalt präsentiert wurde. Die vier Bühnen ermöglichten einen nahtlosen Übergang von Konzert zu Konzert – oder eben von Genre zu Genre. War man als Zuschauer darauf aus, sich das gesamte Line Up zu Gemüte zu führen, musste man sich darauf einstellen, zwischen den Konzerten kaum mehr als eine Minute zur Verfügung zu haben, um “den Film zu wechseln”. Es galt, die eben gewonnenen Eindrücke auf den wenigen Metern bis zur nächsten Bühne so gut zu verstauen, dass sie während des kommenden Konzerts nicht im Weg rumstanden. Zur Herausforderung wurde das zum Beispiel am späten Freitag Abend, als man nach den leicht verdaulichen, tanzbaren Blues Rock-Nummern von Little Barrie mit Feuer in den Beinen von der Seebühne in den Clubraum pilgerte und dort von Klaviermelodien in Empfang genommen wurde, die schwer und süss wie Honig in den Saal tropften und jegliche Ambition, sich in den nächsten Beat zu werfen, im Keim erstickte. Knapp 90 Minuten lang hatte man sich zuvor verausgabt, war nach und nach aufgegangen in der Masse wippender und tanzender Menschen – nun stand man plötzlich vor Anja Franziska Plaschg alias Soap & Skin und kam sich trotz gefülltem Saal seltsam einsam vor. Auf einen Schlag wurde das Individuum auf sich selbst zurückgeworfen. Dies, nachdem man gerade exzessiv die Gemeinschaft zelebriert hatte.
In umgekehrter Reihenfolge geschah dies am Samstag, als Evelinn Trouble mit einem düsteren, zerrenden und treibenden Set die kindlichen Träumereien vertrieb, die Headliner Gisbert zu Knyphausen eben in den Köpfen des Publikums hatte aufkeimen lassen. Mit Songs über die kleinen menschlichen Unzulänglichkeiten und einem unaufgeregten, aber äusserst sympathischen Auftritt hatten Gisbert und seine Band Kid Kopphausen eine Atmosphäre geschaffen, die den Zuschauer in eigenen Erinnerungen stöbern liess. Die Band selbst balancierte leichtfüssig entlang dem Grat zwischen Nostalgie und Neugierde, zwischen stiller Verzweiflung und leiser Hoffnung. “Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheisse verpackt.”
Und auch wenn der Kontrastpunkt, den Evelinn Trouble mit ihrem beschwörenden, diabolisch durchdringenden Gesang setzte, kaum grösser hätte sein können – zum Stilbruch reichte es nicht. Zum Stilbruch reichte es während den drei Tagen kein einziges Mal. Zu genau hatten die OH SEE-Veranstalter auf Details geachtet, auf die kleinen verbindenden Elemente zwischen den vermeintlich gegensätzlichen Bands, auf das Zusammenspiel von Künstler und Bühne, auf den Spannungsbogen, der eben doch keinen der Acts ausklammerte.

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Die Besucher wurden ge- aber nicht überfordert. Genauso wie man sie mit einem ungewohnten Zeitplan und teils anspruchsvoller Musik gedanklich in Bewegung hielt, tat man dies physisch, in dem man sie von einer Bühne zur nächsten schickte und auf dem verwinkelten Gelände der Roten Fabrik zirkulieren liess. Ob kalkuliert oder nicht: Das Konzept ermöglichte, dass die sich bewegende Masse einen Sog entwickelte und man als Unentschlossener mitgezogen wurde an ein Konzert, das man sonst verpasst hätte. So geschehen bei Kins. Die in England stationierten Australier verpacken Wut und Verzweiflung in flüssige Pop-Songs, als hätten sie zur Persiflage auf die Gefühle angesetzt. Wie schwer beladen die Songs tatsächlich sind, zeigt sich erst, wenn die Band ihre Stücke auf der Bühne zerpflückt, in die Länge zieht und sich die angestauten Emotionen in repetitiven, sphärischen Instrumentalsequenzen entladen. Albumversionen mit Kraut-Elementen aufzupeppen, war auch bei den Boogarins hoch im Kurs, die am Donnerstag die Seebühne eröffneten und ihre ausgeschmückten Retro-Rock-Nummern mit so viel Dringlichkeit und Spielfreude präsentierten, als hätten sie uns aus Lateinamerika das Feuer mitgebracht und wollten uns von seinem Nutzen überzeugen.

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Es gab am OH SEE nicht viele Bands, die enttäuschten. Selbst die Headliner Girls In Hawaii, die während den ersten 50 Minuten ihres Sets erstaunlich unbeholfen wirkten und nur gerade die engsten Fans (zu denen sich auch ihr tanzender Roadie zählte) mizureissen vermochten, legten plötzlich den Schalter um und setzten zu einer Zugabe an, die das Publikum bis in die hintersten Reihen in Bewegung versetzte. Paradoxerweise waren es ausgerechnet die für ihre Live-Shows bekannten Norweger Team Me, die am Zürcher Seefufer untergingen (sorry, ein kleiner Wortwitz musste noch rein). Die geschminkte, sechsköpfige Band stand schlicht ein bisschen auf verlorenem Posten, als sie am Samstag um 19.45 ihren Confetti-Pop auf jenes Publikum losliess, das sich eben von der musikalischen Schlichtheit und dem vibrierenden mehrstimmigen Gesang des britischen Folk-Trios Peggy Sue hatte verzaubern lassen.

Mit einem vielseitigen Programm und einem ungewöhnlichen Bühnenkonzept machte das OH SEE deutlich, dass mit ihm ein Festival in Entstehung ist, das einen ganz eigenen, unbeschrittenen Pfad geht, fernab der geteerten Mainstream-Strasse (die man endlich mit einem “Sackgasse”-Warnhinweis ausstatten sollte). Gespannt verfolgen wir also die Spur dieses Festivalneulings und freuen uns auf den Ort, an den er uns als nächstes bringt. (DK)

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