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Genre: Festival

Das diesjährige, einunddreissigste Gurtenfestival wurde bereits am vergangenen Donnerstag mit einem Besucherrekord eröffnet. Kein Wunder eigentlich, wenn man bereits am ersten Tag Cypress Hill auf den Hügel bringt, welche anscheinend eine derart grosse Anziehungskraft haben, dass selbst eine Hochschwangere dem Konzert nicht fern bleiben konnte und der spätestens bei “Jump Around“ die Fruchtblase geplatzt ist.

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Die Beats der Westcoast waren gerade erst verklungen, als bereits das Soul-Electro Duo Milky Chance einen etwas ruhigeren und harmonischeren Kontrapunkt zu Cypress Hill setzten. Die zwei aus Kassel stammenden Pop-Neulinge zogen einen beträchtlichen Teil des Hauptbühnen-Publikums zur Zeltbühne hin. Die gedrängte Masse im und rund um die Zeltbühne erlebte ein absolut sauberes und fehlerfreies Konzert, doch fehlte irgendwie das spezielle Etwas. Man hatte tatsächlich irgendwie das Gefühl, dass der Funke trotz des herzerwärmenden Genremix, den die beiden so vorzüglich beherrschen, nicht ins Publikum springt, was auch eine Folge der Übersättigung durch die andauernd laufenden Songs von Milky Chance im Radio sein könnte. Die beiden Wuschelköpfe überraschten somit zwar niemanden, lieferten aber trotzdem noch etwas mehr Sonne auf den mittlerweile dunklen gewordenen Gurten.


 
Der Freitag fiel entscheidend lauter und wilder aus als der Starttag. Prodigy startete am frühen Abend auf der Hauptbühne und machten ihrem Namen als Electro-Punker alle Ehre. Sie liessen das Publikum hüpfen, pogen und anständig schwitzen. Die Lichtshow war gewaltig, wenn man auch in diesem ganzen Strobo-Blitzgewitter gepaart mit der wahnsinnig lauten und temporeichen Musik manchmal ziemlich überfordert wirkte.
Das eigentliche Highlight und heimliche Headliner von Freitagabend waren aber direkt nach Prodigy auf der Waldbühne zu bestaunen. Die bunt aus der ganzen Schweiz zusammen gewürfelte Truppe Klischée traten nach Geisterstunde vor einem sehr gut gefüllten Waldbühnenhang auf und gaben sofort den Tarif durch. Die temporeichen Electro-Swinger tanzten und sangen mit einer solchen Energie und Freude an ihrer Musik, dass das Publikum unweigerlich mitgerissen wurde. Die ausgebildete Sängerin Marena Whitcher zeigte eine unglaubliche Performance und bildete mit William Bejedi, der Solo als Rapper 45 Degré unterwegs ist, eine Art Power-Front-Duo, welches das Publikum immer wieder animierte mit zu swingen. Die unermüdliche Marena Whitcher liess wirklich nichts unversucht und wechselte für “Tin Tin“, den Klischée Hit schlechthin, sogar das Kleid. Danach zeigte aber auch der DJ, dass er sein Fach versteht und produzierte eine Sample-Einlage von MC Hammer bis Kool & the Gang, die seinesgleichen sucht. Er wurde dabei von einer hervorragend spielenden Band begleitet, die einem bei diesem Tempo manchmal fast Leid tat, von einem ebenfalls sehr fachkundigen VJ, der während des ganzen Konzerts das Publikum mit visuellen Inputs fütterte und zwei tanzenden Zebras. Klischée holten sich nach diesem famos-schweisstreibenden Nachtauftritt einen der längsten Applause des Gurtens und kamen sich entschuldigend, dass sie nicht noch länger spielen können zurück auf die Bühne, um sich wenigsten in einem Selfie mit dem Publikum zu verewigen.


 
Der Samstagabend fing für viele mit einer Gretchenfrage an: Franz Ferdinand oder Seasick Steve? Oder anders gesagt: glatter Retro-Rock oder schmutziger Handwerker-Blues? Wer sich hier für Seasick Steve entschieden hat, dem kann nur gratuliert werden, denn der bereits über siebzig jährige ist ein echtes Original und spielt musikalisch und instrumente-technisch die vier aalglatten Briten noch lange an die Wand. Der Amerikaner baut viele seiner Gitarren selber, ebenso wie sein ebenfalls bereits gealterter Schlagzeuger seine Becken selbst zertrümmert. Beides trägt sicherlich zu der unverkennbaren Dreckigkeit des Seasick-Blues bei oder wie Chris von Rohr es sagen würde: „Mehr Dreck geht nicht“.
Nach dieser schweren Entscheidung am frühen Abend ging es weiter mit einem Fixpunkt. Massive Attack traten nach langer Abwesenheit wieder auf dem Gurten auf und brachten den Trip-Hop auf den Berner Hausberg. Die Briten liessen ihren unterkühlten und manchmal düsteren Sound aufs Publikum niederprasseln, gepaart mit Textfetzen, die über eine LED-Wand liefen. Darauf waren natürlich viele politische Botschaften zu finden, wie „Alle Menschen sind gleich und frei“, „Das Zeitalter der Privatheit ist vorbei“. Aber es gab auch erfreulicheres zu lesen: „Die schönsten vier Tage“, „Wird YB diese Saison Meister?“.
Den Schlusspunkt zum Samstag setzte dann wieder eine Schweizer Band und diesmal erst noch eine aus der Hauptstadt. Die vier Berner von Jeans for Jesus traten ebenfalls auf der Waldbühne vor grossem Publikum auf, obwohl ihr Konzert bereits zu fortgeschrittener Stunde stattfand. Die Berner zeigten ähnlich wie Massive Attack eine Festival-Atypische Darbietung. Sie kombinieren schwere Beats mit leichten Alltagstexten, lassen Dubstep ähnliche Drops mitten in den Song fallen und geben sich auch sonst sehr kritisch, so dass sie sich nie zu ernst nehmen, was ihnen wahrscheinlich zu ihrer wunderbaren Leichtigkeit verholfen hat. Die vier Berner verabschiedeten sich nach einem eindrücklichen Konzert mit einem wunderbaren Moment. Als sie “Nie Meh“ zum zweiten Mal in der Zugabe anspielen, kommt Rapper Baze auf die Bühne und bringt mit seinen Rap-Passagen nochmals eine weitere musikalische Facette von Jeans for Jesus auf die Bühne.

Der Sonntag bringt dann nach drei wunderschönen und heissen Tagen eine richtige Abkühlung mit heftigen Regenschauern und Winden, die so stark sind, dass Placebo ihr Konzert unterbrechen mussten und die Berner Lo & Leduc auf der Waldbühne vor einem nicht ganz so gut gefülltem Hang wie auch schon auftreten mussten. Alles in allem hat man aber gerade auch auf der “Schweizer“-Waldbühne musikalisch sehr gute Konzerte sehen und hören dürfen, die erfreulicherweise auch vom Publikum in meist grosser Anzahl wertgeschätzt wurde. Man darf sicherlich auf die nächste Ausgabe des Gurtenfestivals gespannt sein und sich vielleicht ein bisschen mehr Mut beim Line-Up erhoffen, so dass es auch nächstes Jahr Platz hat für einen musikalischen Weltenbummler wie Seasick Steve.