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Genre: Deutschpop | Made in Basel

Congaking 600

Kein Scherzkeks, sondern Basler ‚Läggerli‘-Deutschpop

Seit wann liegt „Hamburger Schule“ am Basler Rheinufer? Bei einem solchen Transfer müssen gewitzte Akteure ihre Finger im Spiel haben. Hauptverdächtige bei diesem Komplott: Congaking, die bereits mit geadeltem Bandnamen mächtig genug zu sein scheinen, diesen ‘musikpolitischen’ Coup zu wagen. Congaking das sind vor allem aber vier Musikbegeisterte, welche sich nach der Jahrtausendwende in Basel gefunden haben. Und auf ihrem neusten Album Eden rufen sie gleich auch ein Schweizer Paradies eines Deutschpop-Zweigs aus. Anmassend, neckisch oder einfach grenzenlos weitsichtig? Das lassen wir erst mal so stehen, denn bezeichnenderweise beginnt die darin erzählte Story zunächst in..

Paris!

Auf gut Glück etwa die verheissungsvolle Stadt der Liebe erkunden? Wieso nicht. Doch schon bald ist nur noch „Babette, Babette“ die einzige Destination, welche diesem Eröffnungstrack als Kompass dient. Aber Vorsicht: Der rote „Schimmer am Horizont“ ist trügerisch. Wie sehr sich der Schmachtende anstrengt und das volle Programm liefert, es gar Rosen regnen lässt oder das morgendliche Croissant mit dampfendem Kaffee lakaienhaft am Bett serviert. In eiskalter Manier will sich Madame abermals nicht für ihn erwärmen. Die erträumte ‚amour fou‘ löst sich denn auch auf wie die bläulichen Zigarettenschwaden, in die sie sich – ganz Femme fatale – stets hüllt. Sollte man diesen Kummerbuben bemitleiden? Nein, meinen Congaking, c’est la vie. Mit dem scharfen Auge eines Montmartrer Karikaturmalers, skizzieren die Basler vielmehr diesen und sieben weitere flockige musikalischen Sketche, bei denen sich die Lippen unweigerlich zu einem Lächeln kräuseln. Mit ihrem dritten Album Eden beschert uns die Truppe um Sämi Schneider eine leicht geniessbare Sommerplatte, die nicht zuletzt durch pittoresken Texte voller schalkhaftem Optimismus ihre Wirkung entfaltet.

„Wir lassen es uns gut gehen“

Humor war bei dem Sänger und Gitarristen, der sich mit seinem alter ego „Handsome Hank“ vorsorglich schon mal ein Denkmal als fiktive Westernlegende gesetzt hat, und seinen Mitstreitern Lukas Ritz (voc, key), Michael Müller (voc/bs) und Martin Graf (dr) schon immer Programm. Nach dem Debüt Tatsachen und Meinungen war es allerdings ganze elf Jahre lang still geworden um die Band, die für ihren spritzigen Deutschpop und Songs wie „Schneemann, wo brennt’s denn?“ oder „Ich will dein Rasenmäher sein“ mehrfach ausgezeichnet worden war. Nach Montevideo (2012) mit etwas mehr Indiemucke und Synthesizer-Einsatz hats nur zwei Jahre gedauert bis der dritte Streich ausgeheckt worden ist. Und das zusammen mit keinen Geringeren als Züri West-Produzent Oli Bösch, der von seinen Schützlingen kurzerhand den Lovebugs-Gitarrenmann Thomas Rechberger mit ins Boot geholt hat. Da darf man die Zeile im titelgebenden Stück auf das Album selbst ummünzen: „Eden, verheisst uns das Beste!“

Party in Eden oder El Dorado. Nur Partyspoiler Marx bleibt draussen.

Mit einer geballten Portion Lebensfreude geht’s hier drunter und drüber: Denn die Nordschweizer haben für ewige Kritiker, unaufhörliche Pessimisten des – ach so ungerechten, politischen Kapitulismus(end-)zeitalters wenig übrig. Während „Partyspoiler Marx“ nur die „verpassten Jahreszahlen“ zu tiefen Furchen auf der Stirn derselben malt, lässt es sich Congaking lieber, Zitat, „gut gehen“. Wo könnte man das besser als im Paradies schlechthin? Die Sause steigt also im (Garten?) „Eden“. Weils allein aber nur halb so viel Spass macht, wippen im namensgebenden Track unter anderen eine vollbusige Dolly Parton, der Schweizer Literaturmogul Robert Walser oder die – schon im Debüthit „Beatledrink“ verewigten – Pilzkopfmitglieder John Lennon und Ringo Starr mit. So vital wie die Toten dort, verweist der Titel des folgenden Tracks „El Dorado“ zwar auf das spanische Pendant – der paradiesische Garten rückt jedoch in weitere Ferne. Die loungigen Latin-Vibes passen eher zu den hier angedeuteten Partyleichen, die „glauben, was zu finden, im Morgengraun.“ Spätestens meint man sie vor sich zu sehen, als der Synthie in einem schrillen Solo den passenden Sound einer after-hour Spelunke mimt.

Augenzwinkernde Tagträumereien

Herr Müller, ein weiterer Protagonist auf der acht Songs umfassenden Scheibe, würde da seine Nase gehörig rümpfen: Jedenfalls nicht, bis dessen grauer Montag zum „Rosenmondtag“ aufgepimpt wird. Eines muss man an dieser Stelle würdigen: Was üblicherweise für die, meist unter dem dehnbaren Begriff der „Hamburger Schule“ vereinten, Tocotronic, Tomte oder Gisbert von Knyphhausen als norddeutsche Popströmung angeführt wird, meistert Congaking auch in diesem Song bravourös: Denn, wenn der Bundesrat hysterisch wird, sich die NASA einsatzbereit macht und sogar der Papst seinen Senf dazu gibt – mit unwiderstehlichen Schmunzelstories stellen sie die Welt auf den Kopf. Und dabei gezielt, um grundlegende und eigentlich gar nicht unbedingt komische Seinsfragen anzustossen. Jene Kunst, die der genannten Garde aus Hamburg zugesprochen wird, wobei man die Basler mit ihrem beeindruckend akzentfreien Deutsch durchaus als eingesessene Hansestädter durchgehen lassen würde. Für ruhebedürftigere Philosophen bietet „Tête à Tête“ mit elektronischem Grundgerüst und glitzernden Synthieakkorden einen intimeren Rahmen. Spätestens im abschliessenden „Underwaterworld“ kullern wir vom minimalistischen Gitarrenriff bald in den meditativen ‚Strom‘, der uns wie diese Platte insgesamt – mit – und hinreisst. Die vier Könige geben uns am 18. Juli im „Schwarzen Engel“ in St. Gallen, und auf den Tag genau einen Monat später auch in der Brasserie“ des Berner Lorraine-Quartiers eine Audienz. Und laden dazu ein, gemeinsam ihren augenzwinkernden Tagträumereien zu lauschen. (JNE)