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Genre: Festival

Die Frage hat durchaus ihre Berechtigung: Braucht die Schweiz, ein Land mit einer gefühlten Festivaldichte von 1 pro Einwohner, tatsächlich ein weiteres Openair? Im Falle des OH SEE muss die Antwort Ja lauten. Dies nicht nur, weil auf dem Gelände der Roten Fabrik, wo das Festival zwischen 17.7. und 19.7. stattfindet, bereits seit Jahren Openair-Konzerte über die (See-)Bühne gehen. Sondern auch, weil das OH SEE mit einem vielseitigen, handverlesenen Line Up besticht – ganz im Gegensatz zu den zahllosen “Rock The Irgendwas”-Festivals, die Jahr für Jahr wie Unkraut aus dem Boden schiessen und hauptsächlich durch Innovationsresistenz in der Programmierung und die Präsenz des Hauptsponsors auf dem Gelände auffallen.

OH-SEE_gross

Nach den ganz grossen Namen sucht man im Programm des OH SEE vergebens. Trotzdem sind uns viele nicht unbekannt. Es sind Bands, die sich durch Beständigkeit auszeichnen, die Jahr für Jahr Clubs und Festivals abklappern und deren Fangemeinschaft langsam aber stetig wächst – gemeinsam mit der Band. Zu ihnen gehören etwa die Headliner Girls In Hawaii. Seit der Veröffentlichung ihres Debutalbums vor 10 Jahren hat sich der Sound der belgischen Indie-Popper zu einem eigenen kleinen Kosmos entwickelt, der heute über der riesigen Masse formloser Bands schwebt. Gleiches gilt für Team Me aus Norwegen. Neben einem eigenständigen Sound haben sie sich zudem den Ruf einer mitreissenden Live-Band erspielt und werden gerne mal im gleichen Atemzug erwähnt wie Arcade Fire. Auch die britische Soul-Rock-Combo Little Barrie tingelt seit Jahren durch die Welt. Ihr erstes Schweizer Konzert spielten sie einst im kleinen Merkker in Baden. Es folgte das Blue Balls Festival, nun das OH SEE. Ebenfalls zur Gattung von Künstlern mit einem langen Atem gehört Gisbert zu Knyphausen. Nachdem der deutsche Liedermacher jahrelang solo unterwegs war, gründete er 2011 die Band Kid Kopphausen. Nur ein knappes Jahr später verstarb Bandmitglied und Freund Nils Koppruch völlig überraschend, worauf sich die Band eine Auszeit nahm – auf unbestimmte Zeit. Zwei Jahre später sind Kid Kopphausen nun zurück, ohne neues Album zwar, dafür mit viel Lebenserfahrung und dem Mut, sich nochmals an die gemeinsam mit Nils komponierten Songs zu wagen.

Das OH SEE ist aber nicht bloss eine Hommage an die Ausdauer. Das Festival präsentiert neben etablierten Künstlern auch eine Vielzahl von Bands, die es erst noch zu entdecken gilt. Boogarins zum Beispiel.Die 60ies-Psychedelic-Combo aus Brasilien haucht dem erschöpften britischen Retro-Rock neues Leben ein. Nach einer Tour durch die USA im Schlepptau von Temples sind sie nun zum ersten Mal in Europa unterwegs. Ebenfalls zu den Neulingen gehören The Acid. Im riesigen Soundspektrum dieses transnationalen Elektro-Trios spiegelt sich die Vielzahl verschiedener Einflüsse der Bandmitglieder wieder. Es wird experimentiert mit Alltagsgeräuschen, auch den Synthesizern ringt man Klänge ab, die man so nicht oft zu hören bekommt.

Dass es auch der Schweiz nicht an Musikern mangelt, die Grenzen auszuloten, beweist die CH-Sektion am OH SEE. Doomenfels aus Zürich kombinieren Mundart-Texte und Noise-Rock, All Ship Shape arbeiten sich durch 15minütige Kraut-Nummern, Evelinn Trouble, die selbsterklärte Femme Fatale der Schweizer Musikszene, befördert das Beste aus den 60ern mit einem gezielten Tritt in den Hintern ins Hier und Jetzt.

Die Spannweite, die das OH SEE mit dieser ausgewogenen Mischung von “altbewährt” und “neu entdeckt” erreicht, ist sehr beachtlich und dürfte den einen oder anderen Festival-Veranstalter zur Selbstreflexion anregen. Gut so! (DK)

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