Reviews

Genre: Indie | Noise Pop

ROAMER2

Lass dir Zeit, aber mach was draus! Wenn Einer diese Philosophie mit vollem Herzen zu leben weiss, dann Samuel Blatter. Der Frontmann der Solothurner Noise-Pop-Band Roamer wird 2009 mit der niederschmetternden Diagnose Krebs konfrontiert. Doch dieser Schicksalsschlag gibt gleichzeitig den Auftakt zu einer überaus fruchtbaren Schaffensphase, welche den Jazz-Pianisten, Sänger und Komponisten nur noch mehr zu kreativen Höchstleistungen anspornt. Anfang Mai haben die selbsternannten Herumtreiber im ‚Heimatskulturnabel‘ Kofmehl die zweite EP getauft. Was es da zu hören gibt? Vier Songs, vier Facetten, vier Männer mit eisernem Willen! Da hat die heimtückischste Krankheit keine Chance und wir bei dieser Scheibe auch nicht.

„Shall I live shall I die, hit button“ – für welchen Button sich Blatter entschieden hat, wenn man sich die Zeile aus dem EP-Debüt Roamer (2011) in Erinnerung ruft, wird schon deutlich, wenn man die letzten paar Jahre des Solothurners und seiner Truppe revue passieren lässt: „One step forward“, einen Schritt nach dem anderen zurück ins Leben. Obwohl der schleppende Bass-Drum-Puls von Martin Strebler des eröffnenden Tracks von Take my time die durchlebten Strapazen keineswegs verschleiert, ist der Blick stets nach vorn gerichtet. Was die Backvocals im Chor („yeeeah“) bestärken beschwingt das off-Beat clapping letztlich, sodass wir zum Refrain schon im schnellen Laufschritt voranpreschen „Come on, don’t you dare“. Zermürbende Erfahrungen mit der Spitalbürokratie , die ihn und andere Patienten als „Number“ behandelten, können sich daher getrost ficken (Zitat), plattgewalzt von noisigen Soundwalls des gleichnamigen Tracks in kämpferischer Rockmanier. Negatives verarbeiten und bewusst entgegentreten: Das schärft aber gleichzeitig auch den Blick für die kleinen grossen Glücksmomente des Alltags, wie etwa der Blick aus dem Fenster an einem „Sunday Morning“ – wenn man die wohlige Wärme der Sonnenstrahlen auf der Haut spürt. Einen Tag in der Natur einfach an sich vorbeiziehen lassen. Mit der lyrischen Pop-Ballade werden wir von leichten Klavierakkorde getragen, mit den Gitarren -Slides von Simon Rupp heben wir endgültig ab, denn hier ist Blatter „Sick enough“, sich von den körperlichen Beschwerden einschränken zu lassen. Einfach losmarschieren, experimentieren, dabei scheint Take my time an die Botschaft des Metallica-Hits „Wherever I may roam“ (1990 Black album) erinnern zu wollen: „But I’ll take my time anywhere“, was James Hetfield am tourenden Wanderleben eines Musikers schätzt, das hat die Band nicht nur in den stilübergreifenden Tracks von Rock bis Indie und Pop auf der neuen EP, sondern auch in einer Konzertreihe im Oltner Coq d’Or an Ort und Stelle bewiesen. Dort haben sie mit dem New Yorker Singer-Songwriter MiWi LaLupa geträumt, sind den Bewegungen der internationalen Tanzkompanie Betweenlines mit ihrem Sound gefolgt oder haben – eines ihrer Highlights wie die Band betont – mit keinem geringeren als Pedro Lenz über die existentielle Wichtigkeit „vo dr chuchi“ philosophiert. „Gschicht si nid wi Zähn, wo nume zwöi Mou chömen und wenn se verbrucht hesch, isch fertig. Nei, die Gschichte wachsen immer noche.“ Was der Berner Mundart-Mogul in seinem, bereits verfilmten Bestseller „Dr Goalie bi ig“ verlauten lässt, gilt für diese Band. Sie wächst stets weiter, über ihre Grenzen hinaus.
(JNE)