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Genre: Rock

Musikalisch mitreis(s)en im neuen Kapoolas-Album: „Travellers“

Mit „Travellers“ lädt die fünfköpfige Truppe von Kapoolas auf eine Reise in die unendlichen Weiten des Indie-Universums. Mal wird ganz in progressiver Rockmanier vorgeprescht, um gleich darauf in lauschigen Popmomenten Halt zu machen oder gar sentimentale Klavier- und Streicherparts anzustimmen. Gerade erst in der Basler Kuppel getauft beweist die Band im neuen Album stilistische Vielfalt.

Der erste Eindruck zählt. Dieses Sprichwort haben sich die Kapoolas insbesondere für den eröffnenden Song „Travellers“ zu Herzen genommen: Neben einem stufenweise absteigenden, markanten Riff wird ein stampfender Beat à la Franz Ferdinand eingeleitet, der von leichtem Headbangen bis zu ausgelassenem Pogen unweigerlich Bewegungsdrang auslöst – egal ob zu Hause– die Band katapultiert uns direkt ins Flair eines Live-Konzerts. Das funktioniert, sodass wir uns auch über Titel wie „You (Don’t love me anymore)“ mit einem sehr ausgefeilten Drum-Intro oder griffigen Gitarrensoli in „Colours“ freuen, die man der gleichen Sparte zuordnen darf. Kapoolas denken aber nicht nur an die Tanzfreudigen unter uns – so laden fast durchgehend leichten Refrains ein, sich mit der Band auch stimmlich in diesen Hymnen zu vereinen. Als bestes Beispiel dafür sei hier auf „Easy“ hingewiesen. „Travellers“ ruft zur gemeinsamen musikalischen Erlebnistour ein.

Wer eine kurze Verschnaufpause benötigt findet ruhigere Töne etwa in „Cloud“ oder „Happiness“. Im letzteren holt sich die Basler Truppe zusätzlich ein Streichquartett ins Boot, das neue Klangfarben einbringt und das Stück in sanfter Weise einrahmt. Nach dem Motto – zurück zu akustischen Instrumenten – tauscht der Tastenmann Luka Corman in „I got to keep it as a secret“ den Synthesizer gern durch einen Flügel (einen erstklassigen Steinway wie die Band betont!) ein. In „Why?“ geben die pulsierenden Akkordwiederholungen ein popmässigeres Begleitfundament, das den sonst dominierenden Parts der Drums und Gitarren eine willkommene Alternative bietet. Anders als bei den Letztgenannten bleibt es aber bei Akkordbrechungen oder Repetitionen, da dürfte Herr Corman gern noch ein wenig kreativer in die Tasten hauen. Weitere musikalische ‚Exkursionen‘ haben Kapoolas mit Trompeten-und Tuben entdeckt. So verleihen die Bläser dem auslaufenden Refrain von „Happiness“ Spannung oder verdichten den Sound in „The World disappears“, wo sie mit Streichern ergänzt eine vollere Klangkulisse erzeugen.

Zum belebenden Sound wollen die Liedtexte aber so gar nicht passen: Thematisch fahren wir leider auf einer Einbahnstrecke, die uns unausweichlich ins Innenleben des einzigen Textschmieds der Band führt: Dies passt lediglich zu der starren Ironie mit welcher alle elf Titel konsequent in ihr Gegenteil umgekehrt werden, sodass die vom Album angekündigten ‚Reisenden‘ („Travellers“) dem Seelen(s)trip eines Einsiedlers weichen müssen. So verhält es sich denn auch, wenn in „Easy“ die Komplexität und Unvorhersehbarkeit des Lebens lamentiert wird, das in „Colours“ farblos dahinwelkt und schliesslich vollständig ergraut. Spätestens nach dem Fazit von „Happiness“ werden auch die hartgesottensten Optimisten verkümmern: Nicht gerade charmant, wenn Glück nur als „Lack of information“ gerechtfertigt wird (Happiness=Stupidity?!).

Man fragt sich: Befindet sich Beni Gut trotz seiner jungen Jahre bereits in einer Midlife-Crisis? Schuld daran trägt sicher das misslungenes Liebesintermezzo, das mehr oder weniger abstrahiert wie ein schlammiger Pfad unsere Wanderung erschwert und die textlichen Sohlen des Albums völlig durchweicht. Dass diese Ma(t)sche erfolgreich sein kann hat nicht nur das Musterbeispiel Adele bewiesen, allerdings sind die sehr kurz geratenen und daher erzwungenerweise zu oft repetierten (überdies mit gleicher Wortwahl in unterschiedlichen Texten) Lyrics nicht gerade hilfreich, aus dieser grüblerischen Selbstverlorenheit herauszufinden – dem Satz „a journey that never ends“ aus dem ersten Stück „Travellers“ misst man in dieser Hinsicht eine ganz neue Bedeutung bei.

Beim letzten Titel des Albums, „The World Disappears“, scheint es schon fast an eine Verzweiflungstat zu grenzen, wenn aus George Orwells „Animal Farm“ schnell mal die tierische Hymne „Beasts of England“ abgeschrieben wird, womit man nicht nur dem sprachlichen Niveau einen kurzen Höhenflug einräumt, sondern überdies noch eine eher unpassende politische Note einfügt. Neben der bereits beschimpften kapitalistischen muss nun auch noch die sozialistische Welt daran glauben und in einer unmenschlichen Diktatur münden. Dem textschreibenden ‚Napoleon‘ Beni sollte an dieser Stelle geraten werden, es manchmal lieber GUT sein zu lassen und ab und an jemand anderem das Reisetagebuch anzuvertrauen.

Im neuen Album musikalisch erfrischend gehören Kapoolas in die Reihen der Bands, die man sich an Live-Gigs und Festivals auf die Wunschliste setzt. Der Funken zum Publikum entfacht hier schnell zum lodernden Mitfiebern – seis, um in Tanzwut auszubrechen oder aber beherzt Mitzusingen. Nach einigen Bierchen werden uns die düsteren, in sich kreisenden Lyrics da auch nicht mehr stören. (jne)