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Genre: Folk | Indie

Der Herbst ist da, der Sommer ist ‚passé‘. Wer denkt nicht wehmütig an milde Sommernächte am Lagerfeuer, ausgelassene Festivals oder den Ferien-Flirt zurück, wenn wir uns nun wieder in Schals hüllen müssen, oder ab und an erkältungshalber ein Taschentuch zücken? Mit ihrem melancholisch-verträumten Sound lässt uns die Indie-Folk Band The Paper Kites diese Stimmungen aufleben – und vertreibt mit musikalischen Lichtblicken auch den trübsten Herbst-Blues.

Hierzulande noch unbekannt, hat sich die fünfköpfige Gruppe aus Melbourne vom Geheimtipp zu vielversprechenden Indie-Newcomern Australiens mit stetig wachsender Fangemeinde gemausert. Ihre auffallend sanften Stimmfarben wissen Christina Lacy, Sam Bentley oder David Powy gekonnt in Szene zu setzen, indem fast gehaucht scheinende Vocals die Soloparts stützen und noch mehr unter die Haut gehen lassen. Kombiniert mit eingängig-leichtem, aber fingerfertigem Spiel von Akustikgitarren und dezentem Schlagzeug ergibt sich der charakteristische Sound der Band. Vor allem die beiden EPs Woodland (2011) und Young North (2012) folgen diesem Rezept. Ob wir in „Halcyon“ noch im Liebesglück taumeln, oder und „Willow Tree March“ unsere Illusionen zerfliessen sehen – mit diesen beruhigenden Klängen wandelt sich auch der schlimmste Herzschmerz in einen Moment musikalischer Meditation. Einmal durchatmen und den Alltag hinter sich lassen, das ist die Stärke der Paper Kites.

So schwärmerisch ihre Songs klingen, bewahren die Band-Mitglieder einen kühlen Kopf, wenn es gilt musikalische und textliche Fertigkeiten zu verfeinern oder die Präsenz der Band durch zahlreiche Gigs voranzutreiben. Bei dieser Haltung erstaunt es also nicht, dass nicht nur Grössen der breiten Indie-Landschaft des Down Under, Bombay Bycicle Club, Josh Pyke oder Boy & Bear die Zusammenarbeit mit der talentierten Gruppe suchten. Auch die Produzenten der US-Erfolgsserie „Grey’s Anatomy“ fanden mit dem Titel „Featherstone“ (Woodland 2011) den passenden Ausklang für das Finale ihrer achten Staffel.

Für die aktuelle Tournee mit dem kanadischen Erfolgskünstler Dallas Green, alias City and Colour, verlassen die Paper Kites erstmals den heimischen Boden, in sieben Wochen geht’s von den Südstaaten der USA bis ins nördliche Kanada. Eine optimale Plattform, um ihr Debütalbum States (2013) und darin neu erschlossene, musikalische Pfade zu präsentieren. Ob rockig-psychedelische Anklänge in „A lesson from Mr. Gray“ oder eingefügte Instrumentalparts für Bratschen oder Bläser in „St. Clarity“ – die Paper Kites sind in den drei Jahren ihres Bestehens gewachsen. Dazu gehörten harte Arbeit und hitzige Diskussionen, geben die kreativen ‚Sturköpfe‘ zu. Die von ihnen als „Wrestling“ bezeichnete Studio-Zeit hat sich aber gelohnt: Der Albums-Erstling ist vielseitiger, und ein wenig nachdenklicher, wobei Anhängern der altbekannten klanglichen Schwelgereien mit den Titeln „Tin Lover“ oder „Young“ dennoch auf ihre Kosten kommen.

Wer die Paper Kites in Aktion sehen will, muss sich im hiesigen Europa wohl noch etwas gedulden. Getrost darf Mann/Frau aber schon einmal im Sound der „Papier-Drachen“ in mehr oder weniger weltfremden Indie-Träumen versinken. (JNE)