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Genre: Hip Hop | Interview

Brooklyn-Rapper Saigon ist in Basel erschienen um gute Laune zu verbreiten und dem Publikum zu zeigen, was es bedeutet echten Rap zu leben. Samt Entourage von King Magnetic der Mitglied der Army of the Pharaohs ist, bis hin zu GQ Nothin Pretty stehen die Zeichen auf “no Fake-Fake Records-Records” im Sommercasino. Biergestärkt und gelockert mit von der Bühne importierten Hennessy und Ciroc macht sich das investigative Fingerzeig-Team auf, um Saigon nach dem Konzert seine letzten Geheimnisse zu entlocken. ( GPANFA )

Fingerzeig: Letztes Jahr warst du und deine Entourage als Vorgruppe auf einem Lil’Kim Konzert gebucht. In einem anschließenden Interview mit sohh.com hast du Künstler wie Rick Ross mit den Worten “a guy  who promotes the destruction of our community”  kritisiert, da sie nur über Kokain, Schmuck und Ärsche rappen. Wie ist deine Meinung heute über diese Leute?

Saigon: Ich fühle das genau so. Eigentlich jetzt mehr denn je. Wirklich genau so. Diese Leute müssen verschwinden. Es braucht einfach echte Männer die rauskommen und berühmt werden. (Zwischenrufe von der uns umgebenden Crew Saigons)

FZ: Würdest du nun sagen, dass Rick Ross für dich ein Feindbild darstellt oder geht die Abneigung gegenüber ihm ins Persönliche?

Saigon: Hm?

FZ: Ich meine ist er ein persönlicher Gegner von dir oder zielst du da eher auf ein gesamtes Movement?

Saigon: Hör mir zu, hör mir zu! Rick Ross ist nur ein Name, den die Mächtigen benutzen um ihr Gift zu verteilen. Er stellt nur irgendein Image dar oder auch jeden schwarzen Mann der Geld machen will, indem er das Gift noch stärker macht. Ich beschuldige ihn nicht die Ursache zu sein. Du kannst kein Objekt beschuldigen, dass den Verlauf nicht kontrollieren kann. Aber er ist berühmt, steht in der Öffentlichkeit und worüber er dann auch noch redet oder was er repräsentiert, fördert die negative Stimmung der Öffentlichkeit gegenüber ihrem eingeschworenen Feindbild, der afro-amerikanischen Kommune. Es macht dann alles Sinn für die. Es kann doch nicht sein, dass du schwarze Jugendliche dumm halten willst, damit sie sich nur für materielle Güter interessieren und Mercedes-Benz. Wenn wir etwas zur Wirtschaft beitragen, muss primär der Style immer durch die Decke gehen. Egal was Black America macht, sie werden es am Ende Hip-Hop nennen. Da dieses Genre jedes Mal so viel Geld abwirft. Das ist nicht nur beim Hip-Hop so, sondern auch bei der NBA. Wenn du alle schwarzen Typen aus der NBA nimmst, was ist die NBA dann noch? Ohne LeBron und früher Michael Jordan?

FZ: Es ist einfach ein abgekartetes Geschäft oder?

Saigon: Es geht einfach um die Kapitalgewinnung aus  Talent. Schau dir Serena Williams an beim Tennis, Tiger Woods und sein Golfspiel, all diese schwarzen Athleten generieren Milliarden von Dollar. Dabei sind es einfach nur Kids aus dem Ghetto die schnell rennen können und du kannst mit ihnen eine Menge Geld machen. Sie wissen ganz genau wie sie die kriegen: “Look, let’s get this motherfucker a few million, his generating billion because he attracts so much attention, because of how dynamic he is and his physical ability.” Nimm nur mal Michael Jordan und seine Sprungkraft, wieviel Geld er heute immer noch mit seinem Namen macht. Dein Kollege hier zum Beispiel, oh mein Gott! Er trägt Jordans. Wir alle tragen die Sneaker dieses Mannes, weil er hoch springen kann. Das heisst sie wissen wie man körperliche Eigenschaften in Geld verwandeln kann.

FZ: Würdest du ihnen irgend eine Schuld deshalb zuweisen?

Saigon: Nein man, niemand beschuldigt hier irgend jemanden. Du musst dafür aber einstehen was du bist. Du kannst niemanden kritisieren nur weil er schlau ist. Aber man darf die Leute nicht verarschen und alles bis zum Äußersten kapitalisieren, dann verwandelst du dich zu einem miesen Drecksack (Gelächter). Es sollte einfach darum gehen, dass du mich brauchst und ich dich also lass uns einen Deal machen.

FZ: Heutzutage behaupten viele Rapper Bloods oder Crips zu sein? Schauen wir die Entwicklung seit “Bangin on Wax” an, hat der Ganghintergrund von Rapkünstlern an Kredibilität stark abgenommen. Warum kommt gerade das offensichtlich gefakte Gangimage bei den Fans so gut an?

Saigon: Der ganze Bloodmüll zirkuliert zurzeit nur um eine Fankultur und hat keine echten Bezüge zur Gang mehr. Du hast da Typen, die noch nie eine Waffe in ihrem Leben abgefeuert haben und vorgeben Blood zu sein. Jeder könnte heutzutage ein Blood sein.

FZ: Ich also auch?

Saigon: (lachend) Ja klar! Du, der und die da. Es könnte einfach jeder sein. Früher war es nur etwas für Typen die rumgeschossen haben, jetzt ist es für jedermann.

FZ: Also könnte ich den Pirus beitreten?

Saigon: (lacht laut) Klar könntest du einer sein, die Hautfarbe ist da auch nicht mehr so wichtig. “You can walk to Compton, look i’m Piru, i know game, leave me alone, i’m here that’s ok” (Gelächter) … DJ Quik war zum Beispiel ein richtiger Piru, das kannst du dir notieren. Ein echter G von früher.

FZ: In deinem Video “Enemies” lässt du deinem Unmut über all die Sachen, die dich stören freien Lauf. Wer ist dein enemy zurzeit?

Saigon: “The devil”

FZ: Nein jetzt mal ernsthaft. Wie sieht es mit deiner Fehde mit Prodigy von Mobb Deep aus?

Saigon: Ach weisst du. Prodigy ist ein netter, kleiner Mann. Ich bin froh, dass Mobb Deep wieder zusammengefunden hat. Sie sind ja schon als Kinder beste Freunde gewesen. Aber meine Botschaft an Mobb Deep ist “Stop trying act like Gangsters, stop trying to be something you’re not.” Seid gute Musiker, aber hört auf etwas vorzugeben was ihr nicht seid. Dadurch verwickelt man sich nur in brenzlige Situationen, die man ohne die richtigen Leute nur schwer bestehen kann. Ihr Typen seid doch alle Väter und habt Kinder. Zeigt euren Kinden, dass man ehrlich sein sollte und ein guter Menschen, anstatt zu faken.

FZ: Du hast mehrere Jahre im Gefängnis gesessen. Siehst du dich trotzdem als eine Art Vorbild für die heutige Jugend?

Saigon: Ich sehe mich vor allem als Mann. Meine kleinen Cousins und auch Jugendliche im Bekanntenkreis schauen sich um, was es heisst erwachsen zu sein und wie sich die Leute in ihrem Umfeld verhalten. Du erinnerst dich auch an deine Kindheit, als du die Erwachsenen nachahmen wolltest und geschaut hast wie sie mit den Dingen umgehen. Ich erinnere mich noch als ich als Kind vor dem Spiegel das Rauchen nachgeäfft habe. Nur weil meine Mutter geraucht hat, obwohl ich nicht wirklich eine Zigarette im Mund hat, hab ich ihr Verhalten nachgestellt. Deine Taten sind halt lauter als Worte. Das ist das gleiche bei diesem Gangsterzeugs. Wenn du es fakest und es kommt drauf an, kannst du nicht bestehen weil deine Zunge für dich nicht reagieren kann. Es geht um Taten und das was du am Ende hinterlässt.

FZ: Eine letzte Frage. Glaubst du die Zeit im Gefängnis hat dich zum Positiven hin verändert? Ich habe gehört du hast dort eine für dich wichtige Person getroffen, die Hakim heisst?

Saigon: Ja klar ich war sehr jung, als ich dort rein kam und sah eine Menge Typen die ihr Leben da fristen mussten. Die haben uns irgendwann zur Seite genommen und gefragt, ob wir auch so enden wollten? Ich wusste sofort, dass ich mit 40 mit Sicherheit nicht mehr im Knast sitzen will! Also sollten sie mir einfach sagen, was sie getan hatten und ich würde dem in Freiheit aus dem Weg gehen (lacht).

FZ: War das dann deine Inspiration mit Hip-Hop zu beginnen oder gab es da ein Erlebnis vor deinem Gefängnisaufenthalt?

Saigon: Hakim zum Beispiel traf ich im Gefängnis und er war einfach ein guter Rapper. Aber vor allem die Leute die sich für mein Leben interessierten bin ich verbunden. Und das waren alles gute Rapper und ich bin ihnen begegnet weil ich auch gerappt habe. Aber ein Typ namens Shareef gab mir viele Bücher und dadurch ist er zu einer wichtigen Inspirationsquelle für mich geworden. Ich traf ihn in “Nap Nap”, das ist der Ort wo ich einsaß. Biggie Smalls hat darüber eine Zeile geschrieben “I bust a cap for the brothers in Nap Nap …”. (rappt weiter mit Leuten aus seiner Entourage)