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Genre: Hip Hop | Interview

Unter dem Motto: „HIPHOP STRIKES BACK!“ luden DJ Babu & Rakaa Iriscience von den Dilated Peoples am Freitag den 22.03. in die Kaserne Basel ein. Kurz vor Ihrem Auftritt, um 23:00 Uhr, als wir schon fast die Hoffnung aufgegeben und in Bier ertränkt hatten, kam der Anruf des Managers: Das Interview findet statt! Im schlichten Keller des Hotel Balade mit Betonbunker-Look fühlten Georgios und ich den beiden auf den Zahn und fanden heraus ob Hip Hop an diesem Abend tatsächlich „zurückschlagen“ würde. ( NFAGPA )

Fingerzeig: Ihr hattet gestern in Tignes den Start Eurer Europa Tournee. Wie lief es?

Rakaa: Wir hatten Spass. Es war zwar ein wenig hektisch, da es nicht gerade einfach ist dort hin zu gelangen, weil der Ort auf einem Berg liegt. Wir haben dort für die After-Party der X-Games Championships gespielt. Das Publikum war super, alle feierten gut ab und hatten eine gute Zeit.

FZ: Wie würdet Ihr das europäische Publikum im Vergleich zu den amerikanischen Fans beschreiben?

DJ Babu: Ich denke, dass sie das was wir machen generell sehr wertschätzen. Sie schätzen es, dass wir einen so weiten Weg auf uns nehmen und für sie auftreten und man merkt auch, dass sie unsere Musik fühlen. Das ist fühlt sich natürlich grossartig an.

Rakaa: Ich würde auch sagen, dass die Europäer die gebildeteren Fans sind, obwohl sich das in letzter Zeit leider etwas geändert hat.

FZ: Wie meinst du das?

Rakaa: Weil sie diese Musik hier nicht so einfach vorgesetzt bekommen. Sie müssen aktiv danach suchen. Es bedarf für sie mehr Aufwand die Texte zu verstehen, da es nicht ihre Muttersprache ist, in der wir unsere Message rüberbringen. Das ändert sich jetzt vielleicht zum Schlechteren da es auch einfacher geworden ist schlechte Musik und Kultur unter die Leute zu bringen. Aber ich freue mich immer wieder hier her zu kommen, denn die Leute sind interessiert.

FZ: Vor etwa zwei Wochen habt Ihr auf einem Konzert bekannt gegeben, dass die Dilated Peoples bei dem Label “Rhymesayers Entertainment“ einen Vertrag unterschrieben haben. Was hat Euch bewogen gerade dieses Label auszusuchen?

Rakaa: Es war weniger, dass wir einen Vertrag unterschrieben haben, sondern eine Kollaboration. Wir haben unsere eigene Firma namens „Expansion Team“. Wir haben mit Rhymesayers einen Deal gemacht, dass wir unter ihrem Label unsere Projekte veröffentlichen werden. Der Begriff Joint Venture trifft es vielleicht noch besser. An einem Vertrag mit einem Record Label haben wir momentan kein Interesse. Das haben wir schon in der Vergangenheit getan und wir sehen keinen Grund dies noch einmal zu tun. Rhymesayers ist wirklich gut strukturiert und sie kümmern sich gut um die Künstler und die Fanbase. Die Fanbase wiederum steht auch hinter dem Label. Spätestens als Evidence dort als Solokünstler angefangen hat, haben wir mit der Idee geliebäugelt etwas mit ihnen zu machen.

FZ: Auf Eurer Myspace-Seite habt Ihr geschrieben, dass Ihr euch von den strikten Grenzen, welche von der Musikindustrie auferlegt werden, frei machen wollt. War dies mitunter auch ein Grund, warum Ihr Euch vom Major-Label Capitol Records getrennt habt und zu Rhymesayers gegangen seid?

Rakaa: Ja, wir wollten die Möglichkeit haben die Musik zu machen die uns gefiel. Egal in welchem Geschäft du bist, es gibt immer die Politik und Leute mit bestimmten Interessen. Rhymesayers ist ein starkes Independent-Label und sie haben Ressourcen, welche über diese von einigen Majors hinausgehen. Auf der anderen Seite agieren sie trotzdem noch wie ein Underground-Label und respektieren ihre Künstler und sind offen gegenüber kreativen Ideen. Wie gesagt, wir sind nicht daran interessiert einen Plattenvertrag mit ihnen zu unterzeichnen. Aber die Zusammenarbeit kam uns als natürlich vor.

FZ: Ihr seid im Moment also Freelancer und könnt im Prinzip machen was Ihr wollt?

Rakaa: Ja, wir haben alle Freiheiten die wir uns wünschen könnten. Zwar haben wir diese Zusammenarbeit mit Rhymesayers, aber wir sind in nichts verstrickt, worauf wir keine Lust hätten. Wir sind in keiner Weise in unseren Möglichkeiten begrenzt.

FZ: Würdet Ihr sagen, dass dies bei Capitol Records der Fall war?

Rakaa: Ja auf jeden Fall. Vielleicht nicht von einem kreativen Standpunkt aus, jedoch verlangten sie von uns viel mehr Dinge, bei denen wir uns nicht immer wohlfühlten. Zudem gab es auch immer mehr Diskussionen je länger wir bei Capitol waren. Das ist immerhin ein Major-Label, die haben noch das Beatles Schild draussen vor ihrem Gebäude.

FZ: Könnt Ihr etwas zu Eurem kommenden Album „Directors of Photography“ sagen?

DJ Babu: Wir arbeiten noch daran und sind alle sehr begeistert davon. Wir haben vor der Tour daran gearbeitet und werden, sobald wir wieder zurück sind, gleich damit weiter machen. Bis jetzt haben wir etwa fünf bis sechs Tracks von uns im Kasten. Danach werden wir uns an die Kollaborationen mit anderen Künstlern und Produzenten machen. Aber wir freuen uns das Album zu veröffentlichen und denken, dass es Ende September dieses Jahres soweit sein wird.

FZ: Wer wird die Beats für das Album Produzieren?

DJ Babu: Bis jetzt ich und Evidence. Sid Roams und Joey Chavez werden auch wieder mit an Bord sein. Ansonsten haben wir noch ein paar Ideen wer dazu beitragen könnte, aber noch nichts Konkretes. Wir wollen wie gesagt erst die Basis für das Album schaffen, bevor wir uns darüber Gedanken machen.

FZ: Wie würdet Ihr Euch selbst beschreiben? Old School, True School oder Jungs die einfach Ihren eigenen Sound machen wollen?

Rakaa: Weißt du, ich bin Mitglied der Rock Steady Crew und der Zulu Nation. Ein Teil von mir ist sicher True Schooler, aber die Realität ist sicher Option C, dass wir tun was wir für richtig halten. Wir folgen keinen Formeln oder was gerade populär ist, denn wenn du etwas nachjagst, heisst das du bist schon hinterher. Wir sind nun mal in einer Ära gross geworden, welche True School- oder Goldene Ära genannt wird.  Wir sind aber nie ganz in die kommerzielle Schiene eingebogen, sondern haben immer das getan, was für uns richtig war.

FZ: Also wird es kein weiteres „Worst Comes to Worst“ geben?

Rakaa: Das vielleicht nicht, aber vielleicht sogar etwas Besseres. Diese Energie damals hatte etwas Gutes, sie war ehrlich, wie alles was wir bis jetzt gemacht haben.

FZ: Wie steht Ihr zu den aktuellen Hip Hop Hits die in den amerikanischen Radios gespielt werden?

Rakaa: Es ist Popmusik. Es ist was es ist. Kenny G und John Coltrane machen vielleicht beide Jazz, aber es ist trotzdem nicht das Gleiche. Ich höre ehrlich gesagt nicht viel Radio. Früher gab es Tapes, heute wirst du mit Informationen überflutet. Es gibt Situationen wie Clubs, wo diese Musik passt, aber wir selber machen keine Popmusik.

FZ: Heutzutage hören die jungen Leute Künstler wie A$AP Rocky, Odd Future, SpaceGhostPurrp und weitere. Fühlt Ihr diese Musik? Mögt Ihr als Producer die Beats?

DJ Babu: Wie Rakaa schon gesagt hat, kommt es auf die einzelnen Songs an. Ich mag die Beats, weil gerade viel Kreativität in die Songs mit einfliesst. Es wäre nichts, was ich jetzt in meinem Auto abspielen würde, aber im richtigen Kontext, wie zum Beispiel an den X-Games gestern, ist es genau das richtige. Ich mag A$AP Rocky, er hat ein paar coole Beats.

Rakaa: Um ehrlich zu sein höre ich nicht viel Musik von diesen neuen Künstlern. Ich höre die Musik, die mich schon immer inspiriert hat und auch in anderen Musikrichtungen. Es ist unterhaltsame Musik. Die Odd Future Jungs empfinde ich als lustig. Versteh’ mich nicht falsch, die haben Skills und definitiv Talent, aber mit dem Image kann ich nichts anfangen.

FZ: Würdet Ihr sagen, dass Hip Hop heute zu sehr Mainstream geworden ist? Habt Ihr das Gefühl dass viele Leute nicht mehr auf Konzerte gehen weil ihnen die Musik gefällt oder weil sie sich einer Kultur zugehörig fühlen, sondern nur weil gerade der Künstler angesagt ist.

Rakaa: Ja definitiv. Es geht heute nicht mehr um die Kunst des Handwerkes, sondern um die Marke. Bevor ein Künstler gross rauskam, wurde er respektiert für sein Talent und sein Können. Das wurde dann auch zu seinem Markenzeichen. Heute werden zuerst die Marke und das Image produziert. Es wird künstlich ein Wert hinzugefügt welchen man sich früher erarbeiten musste. Heute diktieren die Record-Labels der Strasse was gehört wird und nicht umgekehrt, wie es früher einmal war. Für Leute wie Kendrick Lamar ist das natürlich gut, wobei er wirklich Talent und eine Message hat. Durch ihn werden die Leute vielleicht auch auf andere Künstler aufmerksam und beschäftigen sich mit der Musik, auch wenn sie ihn vorher nicht kannten.

FZ: Wo wir gerade von Veränderung reden, was haltet Ihr der Entwicklung des Musikmarktes in letzter Zeit. Als Ihr angefangen habt  gab es Tapes, Vinyl und heute lädt man die Sachen einfach aus dem Internet. Seht ihr das positiv oder wird dadurch auch viel Müll verbreitet?

DJ Babu: Ich denke du hast die Frage schon selbst beantwortet. Manche neue Künstler haben das Internet genutzt um ihre Bekanntheit auszuweiten, für andere ist es dadurch natürlich auch einfacher sich als Künstler zu darzustellen. Ich komme von einem Do-It-Yourself Hintergrund und daher sehe ich es als etwas Gutes an. Es ist einfacher und erschwinglicher geworden etwas raus zu bringen. Auf der anderen Seite ist die Qualitätskontrolle dadurch verloren gegangen. Es hat sicher einigen Guten Musikern geholfen bekannt zu werden wie z.B. Macklemore.

FZ: Siehst Du es als Chance, dass gerade keine Filter da sind, welche die Musik aussortieren, gerade von einem Underground Standpunkt aus?

DJ Babu: Wir mussten früher in Plattenläden nach Musik und Samples suchen, DJs anfragen, Shows spielen. Es ist sicher einfacher geworden für junge Künstler. Das ist die Evolution.

FZ: Es ist also einfacher bekannt zu werden?

Rakaa: Es ist ein zweischneidiges Schwert. Aber man kann sich dem technischen Fortschritt heute einfach nicht mehr verschliessen. Natürlich muss man sich durch viel mehr Nonsens wühlen um die guten Sachen zu finden. Aber man kann heute im Prinzip ein Album von seinem Bett aus aufnehmen und veröffentlichen. Du musst dafür nicht einmal mehr dein Haus verlassen. Die Szene ist dadurch etwas breiter geworden. Aber die Leute haben schon immer aussortiert was ihnen gefallen hat und was nicht. Es werden trotzdem die Talente durchbrechen. Ich habe kein Problem damit, wir sind ja nicht bei Clockwork Orange wo dir jemand die Augen offenhält und dich Zwingt etwas zu konsumieren. Ich wechsle einfach den Sender oder den TV Kanal.

FZ: Letzte Frage: Habt Ihr beide irgendwelche Favoriten die gerade im kommen sind?

DJ Babu: Earl Sweatshirt ist ziemlich dope und ich mag A$AP Rocky sehr.

Rakaa: Joey Badass ist auch cool obwohl er schon eine weile im Geschäft ist.