Reviews

Genre: Americana | Folk | Rock

Leadsänger Andy Hull, der Holzfällertyp mit Engelsstimme und schier unerschöpfbarer sprudelnder, lyrischer Ader, hat mit seinen Bandkollegen von Manchester Orchestra das vierte Album Simple Math eingespielt. Mit dem Vorgängeralbum Everything to Nothing hat die Band vor rund zwei Jahren eines der besten Folk/Rock Alben des Jahres veröffentlicht. Produziert von Joe Chicarrelli, der unter anderem bereits für die Shins und My Morning Jacket die Regler am Mischpult bediente, ist Manchester Orchestra damals ein opulentes und eindringliches Meisterwerk gelungen, welches abseits der Folk/Rock-Einflüsse auch bestens in den Emo- und Grunge-Bereich passte. Von Fans und Kritikern mit Lobeshymnen überschwemmt liegt die Messlatte für Simple Math also nicht gerade tief . Den Versuch, die gesetzte Bestmarke zu erreichen oder gar zu toppen, wagen die fünf Herren aus Atlanta trotzdem – zum Glück.

Der Opener “Deer” macht einen sanften Auftakt in einem Konzeptalbum, das sich laut Sänger und Songschreiber Andy Hull damit beschäftigt, wie ein 23-Jähriger Themen wie Liebe, Sexualität und Religion in Frage stellt. Autobiographisch? Durchaus! Andy Hull selbst ist 23, religiös und bereits verheiratet. “Mighty”  zieht nach dem gefühlvollen Opener lauter in Richtung Rock und wird dabei mit passendem Streichorchester unterstützt. “Pensacola” und “April Fool” gehören in die Kategorie Ohrwürmer: Energiegeladen, eingängig, emotional, treibend. Songs die wir uns auf dem 2010 erschienenen Album Compliments der Band of Horses gewünscht und vermisst haben. “Pale Black Eye” lebt von dezentem Blues, clever kombinierten Gitarren und Streicher, sowie aufbrechendem Refrain, während “Virgin” mit gespenstischem Kinderchor eines “Another Brick in the Wall” und roher Gitarrengewalt eine snörkellos-stimmige  Hymne abgibt. Die Vorab-Single “Simple Math” und das dazugehörige Video stellt das absolute Highlight auf der neuen Platte dar.  Orchestra-Bombast trifft auf Zerbrechlichkeit in grossartigen Bilder festgehalten – grosses Kino. Einzig die letzten drei Songs fallen etwas vom hohen Niveau der Platte ab, diese plantschen mehr vor sich hin, anstatt wirklich nass werden zu wollen.

Der Sprung über das euphorisch gelobte Vorgängeralbum ist mit Simple Math nicht ganz geglückt, dafür war die Scheibe einfach zu gut. Das Pathos, das beim dritten Album noch sparsam, dafür umso treffsicherer eingesetzt wurde, ist wohl oder gerade wegen des erhöhten Erfolgsdruckes, auf Simple Math flächendeckend eingesetzt und wirkt daher etwas zu präsent, fast so, als wolle die Band damit etwas vom eigentlichen Kern ablenken oder zumindest einige Unsicherheiten kaschieren. Wer jedoch auf pathetische Bläser und mehr auf Orchestra als auf Manchester steht, der  wird das Vierte trotzdem uneingeschränkt lieben.  Keine Frage, die Jungs beweisen auch auf  Simple Math ein weiteres mal ihr Können. Dabei lässt Andy Hull tiefer den je in seine religiöse Seele blicken und führt Zuhörer gefühlvoll durch ein äusserst abwechslungsreiches Viertes,  dessen viele Stärken die wenigen Schwächen kaum spürbar machen. (dib)

Discography

2004 Nobody Sings Anymore
2006 I’m Like a Virgin Losing a Child
2008 Mean Everything to Nothing
2011 Simple Math

Tracks – Simple Math

1 Dear / 2 Mighty  /  3 Pensacola  /  4 April Fool / 5 Pale Black Eye  / 6 Virgin / 7 Simple Math / 8 Leave It Alone  / 9 Apprehension  / 10 Leaky Breaks

Simple Math

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=PaMiVDZu_T4[/youtube]

Manchester Orchestra – I Can Barely Breathe

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=mb5_miMF-p0[/youtube]

Manchester Orchestra – Shake It Out

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=FHSfyypZtag[/youtube]

Album – Stream