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Genre: Folk | Singer Songwriter

Wie man einen Nummer-1-Hit schreibt, darüber wurde kürzlich in der Kaserne Basel diskutiert. Wie man einen guten Song schreibt – und das ist nicht das selbe – wollten wir von der Basler Sängerin und Musikerin Anna Aaron wissen. Denn: gut sind sie allesamt, die Songs, die im August 2009 auf ihrer Debut-EP «I Dry Your Tears Little Murderer» offiziell beim Lausanner Label Two Gentlemen erschienen sind. Eher still, unprätentiös; genau so, wie die junge Frau mit dem Künstlernamen Anna Aaron, die im Parterre in Basel am Tisch sitzt.

Nun, so genau weiss Anna Aaron das selber nicht. «Ich fühle mich fast immer als Nicht-Musikerin – ausser in dem Moment, wo ich den Song schreibe.» Am liebsten am Klavier, zuhause. «Die Musik kommt einfach zu mir», sagt die 24-jährige zuerst leise, und dann bestimmt: «Ich habe eine grosse Ehrfurcht vor der Musik.» Folkmusik ist ihr Herzensding, nicht Chanson oder verpoppte Balladen, sondern diese uralte Musik der armen, erdverbundenen Leute in den ländlichen Gegenden der USA. Anna Aarons Songs leben vom spartanischen Rhythmus, von einer organisch-archaischen Stimmung, von geerdeter Spiritualiät. Sie fragen nach den grossen Themen: Liebe, Tod, Schmerz. So klingt die Musik wie aufkommender Wind über der Prärie, wie bröckelnde schwarze Erde, wie rasch fliehende Wolkenbänke, wie fliegende Hufe und Haare und du weisst, dass etwas Schreckliches geschehen wird. «I hate the monster who made you» heisst es im zeitlosen Song «Who Maimed You». Starke Lyrics für starke Bilder, die sich einätzen.

Natürlich ist Anna Aaron 2010 noch nicht PJ Harvey oder gar David Edwards (Wovenhand), aber mit ein wenig forcierter Expressivität stehen die Chancen gut, dass sie ihren Platz findet – nicht im Zirkus der Nummer-1-Hits, sondern dort, wo gute Songs bleiben: in den Herzen der Menschen.

Anna Aaron, 2009 überraschend für den Basler Pop-Preis nominiert und unlängst im Vorprogramm der Young Gods im Volkshaus Basel zu sehen, wird in diesem Jahr ihre zweite Platte veröffentlichen. Wie ihre Freundin Sophie Hunger bei Two Gentlemen in Lausanne. Es gibt einige Parallelen zur Zürcher Künstlerin, die ebenfalls als Support für The Youngs Gods durch Europa reiste. «Paris, France» stand auch schon auf Annas Tourneeplan und wohl bald auch weitere europäische Länder. Sie geht hinaus in die Welt, und bis sie wieder in Basel spielt, könnten wir ein Buch lesen, «Atemschaukel» von Herta Müller zum Beispiel, das Anna neben ihrem Kaffee auf dem Tisch liegen hat. Oder – im Geiste der Musik – auch «Geschichten aus Wyoming» von Annie Proulx.

Chrigel Fisch - www.rfv.ch

Discography

2009 I’ll Dry Your Tears Little Murderer

Tracks - I’ll Dry Your Tears Little Murderer

1 Mary Ruth /  2 Who Maimed You /  3 Let The Street Bleed /  4 The Drainout  /  5 When We Lay There  /  6 A Song For Cheerups  /  7 Nothing Left