by Fingerzeig

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Geschätzte Damen und Herren, bitte schnallen Sie sich an. Denn dieses Buch wird Sie innert Sekunden in ihren Bann ziehen und nicht wieder loslassen, ehe die letzte Seite umgeblättert ist. So was von da!

Kurze Einführung: Sommer 2010, Melt-Festival, Ferropolis, Deutschland. Trunken vor Euphorie und Hochprozentigem torkle ich übers Festivalgelände und fühle mich ein wenig wie Raoul Duke, der mit seinem Anwalt Dr. Gonzo einen unvergesslichen Trip in das dunkle Herz Amerikas wagt. Nun gut, von ihrem Drogencocktail bin ich zum Glück noch meilenweit entfernt. Als ich mich also durch die Menschenmassen quetsche, jeden eingehend mustere, weil ich mal wieder all meine Freunde in einer unachtsamen Sekunden verloren habe, entdecke ich eine spärlich beleuchtete Halle. Auf der Bühne steht wider Erwarten kein DJ, sondern ein Typ, der aus einem Buch vorliest, während Hunderte gebannt an seinen Lippen kleben. Ich pflanze meinen Hintern auf einen Stuhl und lasse mich von den fantastischen Geschichten Tino Hanekamp’s, dem Verfasser dieses wundervollen Buches, einnehmen, während irgendjemand mit einem Tablett voller Shots die Runde macht und ich noch denke: «So sollte eigentlich jede Lesung zelebriert werden.»

Ganze 24 Stunden voller Leben. 24 Stunden voll irrem Tempo, durchgeknallten und dennoch realen Typen, voller St. Pauli, voller Musikclub, voller Liebe, Angst und voller Zigaretten, Alkohol und anderen Drogen, Musik und dem Gefühl, nichts verpassen zu dürfen und auch nicht zu können. «So was von da» erzählt die Geschichte von Oskar Wrobel, dem in den letzten Stunden vor der allerletzten Nacht seines Clubs, sein ganzes Leben um die Ohren zu fliegen droht. Oskar betreibt also einen Musikclub am Ende der Reeperbahn. Seine Freunde sind seltsam, aber grossartig, sein Leben ist ein Fest. Aber jetzt, während in den Strassen von St. Pauli die Böller explodieren, laufen die Vorbereitungen für die grosse Abrissparty. Oskar hat Schulden und keine Ahnung, was aus ihm werden soll. Zum Glück bleibt ihm kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn ein verzweifelter Ex-Zuhälter stürmt seine Wohnung, sein bester Freund zerbricht am Ruhm, die lebenslustige Nina malt alles schwarz an, im Club geht’s drunter und drüber und dann sind da noch der tote Elvis, die Innensenatorin und – Mathilda, Mathilda, Mathilda.

In knappen aneinandergeschnittenen Kapiteln zeichnet Tino Hanekamp – der jahrelang als Musikjournalist gearbeitet hat, durch die Welt gereist ist, schlussendlich in Hamburg angekommen mit einem Kumpel aus Versehen einen Musikclub namens «Weltbühne» gründete und heute Mitbegründer und Miteigentümer des «Uebel & Gefährlich» ist, das mehrfach zum besten Musikclub Deutschlands gewählt wurde – ein Stück Gegenwartskultur, dass an Rasanz und Tempo in der aktuellen deutschen Buchlandschaft seinesgleichen sucht. Die Figuren sind wunderschön ausgearbeitet, jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte ausgestattet. Der Plot ist eigentlich ganz simpel aufgebaut. Es wird beschrieben, wie die Vorbereitungen zur finalen Abrissparty von Oskars Musikclub verlaufen, was alles während der Party passiert und wie das grosse Wiedersehen mit seiner verloren geglaubten Liebe, Mathilda, über die Bühne geht. Natürlich wird dieser schlichte Ablauf durch grössere und kleinere unvorhergesehene Ereignisse verkompliziert, während der Leser nach und nach die einzelnen Figuren kennen und lieben lernt. Das grossartige Fingerspitzengefühl Hanekamp’s, die Pointe ohne viel Schnickschnack an der richtigen Stelle zu platzieren, garantiert beste Unterhaltung über 300 Seiten. Bereits der Einstieg, wo ein Zitat Aristoteles dem des Hauptprotagonisten Oskar Wrobel gegenübergestellt wird («Ach, Schnauze.») zeigt, dass der Autor mit einem trockenen, scharfzüngigen Humor gesegnet ist. Während in Oskars Leben irgendwie gerade alles den Bach runtergeht, hilft ihm seine Klolektüre – Marc Aurels «Selbstbetrachtungen», den Blick fürs Wesentliche zu wahren. Dieses schlaue Werk begleitet Oskar beinahe bis zum Ende, bevor es in einem überfüllten Papierkorb in der Clubtoilette landet, kurz nachdem sich Oskar in das malträtierte Klo übergeben hat, in dem ein benutzter Tampon liegt, und bei dieser Aktion sein Handy in dem Schwall Flüssigen landet, der gerade seinem säuredurchtränkten Mageninnern entsprungen ist. Obwohl doch gerade der Ex-Zuhälter Kiezkalle am Apparat war, der ihn für diese Aktion jetzt sicher kalt machen wird. Marc Aurel, dieser Teufelskerl, lockert die Lektüre also immer wieder mit Zitaten auf, die vor Lebensweisheit nur so strotzen. Ein Beispiel gefällig? «Verlier nicht die Ruhe! Denn alles geschieht gemäss der Allnatur, und bald wirst du ein Nichts und nirgends sein, gerade wie Hadrian und Augustus. Und dann blick unverwandt auf die Sache, fass sie scharf ins Auge und bedenk dabei, dass du ein guter Mensch sein musst und was die Natur des Menschen von dir fordert. Und das tu, ohne rechts und links zu sehen, und rede, wie es dir am gerechtesten zu sein scheint, jedoch immer voll Güte und Zartgefühl und ohne Falsch.»Und dabei will Oskar doch nur diesen verdammten letzten Abend überstehen, bevor er irgendwo ein neues Leben beginnen kann.

Ach, ich will eigentlich gar noch nicht zu viel verraten. Ich habe gelacht, mitgefiebert, gestaunt und mir für einen verschwindenden Moment gewünscht, an dieser geschichtsträchtigen Abrissparty teilhaben zu können. Insgesamt ein wirklich schönes Buch, das leicht zu lesen ist und einen irgendwie auch auf den Plan bringt, selbst einen Club zu eröffnen. Oskar würde zu dieser Schnapsidee wohl nur sagen: «Weiche vorn mir, böser Geist!», während er seine Zeigefinger kreuzt und sich einen grossen Schluck aus einer angebrochenen Flasche Absinth genehmigt, natürlich von dem illegalen Zeug von Pablo’s Mutter. (sig)