by Fräulein Rot

Kolumne

Im Frühling 2009 war ich ausserordentlich gut gebucht und war mehr in fremden Betten als in meinem eigenen. Diese Tatsache war sehr angenehm für mein Konto – allerdings war ich nach ein paar Wochen fix und fertig. Abwechslung musste her und da kam mir die Einladung zu einer Grillparty bei einer Freundin gerade recht.

Die Party sollte an einem Dienstagabend stattfinden und ich nahm mir das Recht heraus am Montag und Dienstag freizunehmen. Unter anderem, um wieder mal auszuschlafen und meiner Haut ein paar Stunden ohne Make Up zu gönnen.

Am Montag klappte das Vorhaben ganz gut. Insgesamt habe ich achtzehn Stunden gekonnt verschlafen, zwei gingen für dösen in der Badewanne drauf und die restlichen vier Stunden waren auch nicht mehr als auf der Couch rumgammeln und mir Trash TV zu Gemüte zu führen. Am Dienstagnachmittag, als mich langsam für die Grillparty fertig machen wollte, klingelte mein Telefon. Zuerst ignorierte ich den Anruf, aber der Kerl liess nicht locker und rief noch weitere Male an. Also nahm ich den Anruf entgegen und wusste noch nicht dass ich dies zwei Stunden später bereuen sollte.

„Hallo ich bin Rico und bin in Winterthur im Hotel Ibis. Hast du noch eine Stunde Zeit?“ Ich überlegte kurz und sagte ihm, dass ich ihn in ein paar Minuten zurückrufe. Da meine Freundin auch in diesem Gewerbe arbeitet, hatte sie Verständnis für mein Anliegen und ich konnte diesem Rico zusagen. Glücklicherweise lag Winterthur so oder so auf dem Weg und ich rechnete damit, nicht allzu spät beim Grillfest zu erscheinen.

Ich fuhr also nach Winterthur, erhielt unterwegs Ricos Daten (Name& Zimmernummer) per SMS und war ziemlich gut gelaunt. Ricos Tonfall nach zu urteilen war seine Laune weniger gut. Er rief drei Mal an um sicherzustellen dass ich tatsächlich auftauche, und er wurde mir mit jedem Anruf unsympathischer. Ich beruhigte ihn und sagte, dass ich schon in 15 Minuten da wäre. Dies stellte ihn anscheinend zufrieden und mein Handy blieb stumm.

Ich betrat die Lobby und wollte direkt zum Lift, was mir aber durch ein 5-Koffer Pärchen verwehrt wurde. Also auf zur Treppe in den dritten Stock. Endlich beim Zimmer angekommen zupfte ich noch kurz meine Haare zurecht und klopfte an der Tür. Poltern hinter der Tür und das 5- Koffer-Pärchen war auch plötzlich wieder da. Als ich erneut klopfen wollte öffnete sich schlagartig die Tür und Rico streckte mir seinen Dienstausweis entgegen. „Kantonspolizei Zürich, bitte mitkommen!“ Das 5-Koffer-Pärchen stellte sich ebenfalls als Anhänger der Steuerfinanzierten Justiz heraus und so wurde ich von den dreien in die Lobby begleitet. Der Tag hatte doch so gut begonnen, hätte ich den Anruf doch nicht entgegengenommen.

In der Lobby, gut sichtbar für alle ankommenden Gäste, wurde ich angehalten, mich hinzusetzen. „Wir würden uns gerne ein wenig mit Ihnen über Ihre Tätigkeit unterhalten!“, blaffte mich der vermeintliche Rico an. Völlig überfordert mit der Situation liess ich mir dieses Verhalten gefallen (Eigentlich hätte ich gar keine Frage beantworten müssen). „Sind Sie das auf diesem Foto?“, fragte mich Rico und hielt mir ein Screenshot meiner Webseite vors Gesicht (notabene gut sichtbar für alle Gäste des Hotels).

„Ja das bin ich“, antwortete ich wahrheitsgemäss. „Aha, also Fräulein, könnten Sie uns bitte ihre Personalien angeben?“ Ich tat, was von mir verlangt wurde und wusste immer noch nicht ganz was ich hier sollte. „Dürfte ich noch wissen warum ich hier befragt werde?“, platzte es aus mir heraus. Die Dame erklärte mir, dass dank dem Schengenabkommen an den Landesgrenzen keine Kontrollen mehr durchgeführt werden. Daher habe die Kapo Zürich zu diesen Massnahmen greifen müssen um die „illegalen Weiber“ zu erwischen. Aha… Hörte sich schwer nach Hobbyagentenarbeit an, aber lieber Klappe halten.

„Sind sie Schweizerin?“, zischte Rico und starrte mich unaufhörlich an. „ych bi e Baslere! Ych ha dänggt das sig offesichtlig“, gab ich grinsend zum besten. Alle drei verzogen keine Miene. Sowas humorloses hatte ich selten erlebt.

Anscheinend waren die Drei aber auch nicht wirklich erfolgreich, was die Jagd auf „illegale Weiber“ betraf. Dementsprechend gereizt war die Stimmung der Polizisten. „Sie finden sich wohl lustig, Fräulein? Mal schauen, wie lustig Sie die nächsten Fragen beantworten!“, motzte mich der Dritte im Bunde an und dann wurde der zweiseitige Fragenkatalog runtergerattert. Hier meine persönlichen Top-5-Fragen:

Haben Sie einen Zuhälter? „Nein natürlich nicht“.

Bieten Sie ihre Dienste in ihrer Wohnung an? „Nein!“ (Anmerkung: Privatwohnungen gewerblich zu nutzen, resp. Kunden empfangen ohne dies mit dem Vermieter abzusprechen/ seine Erlaubnis einzuholen wird zur Anzeige gebracht . Desweiteren darf man rückwirkend das 2.5-fache der Miete nachbezahlen).

Bieten Sie Verkehr ohne Kondom an? „Nein! Gehts noch?“ (Hier versucht man Körperverletzung zur Anzeige zu bringen- Kein Witz!)

Wieviel verdienen Sie und wieviel Steuern bezahlen Sie? „Das können Sie beim Steueramt einsehen!“ (Muss generell nicht beantwortet werden)

Haben Sie Drogen dabei? „Nein! Ich konsumiere nichts“ (Erster Gedanke: Ja, klar wollen Sie auch was?)

Nach gut 35 Minuten durfte ich gehen mit der Ansage, dass ich noch von ihnen hören werde. An dieser Stelle muss gesagt werden dass ich nichts mehr von den Dreien, aber die vermutlich von ihrem Chef noch was gehört haben. Deren unorthodoxe Vorgehensweise war alles andere als genehmigt. Es darf befürchtet werden das „Rico“ und seine zwei Freunde nicht mehr an Ausseneinsätzen teilnehmen werden.

Bei der Grillparty angekommen war das Entsetzen gross und meine Wenigkeit war so frei, „Rico’s“ Nummer brav weiterzugeben. Man muss ja schliesslich gegenseitig helfen wenn’s die Polizei schon nicht tut….

Fräulein Rot