by kultsurfer

Kolumne

Ich sehe aus wie eine geile Tunte in Kampfuniform, meinten meine „Kameraden“ in der Rekrutenschule, als ich das erste Mal einen Militärhelm trug. Vielleicht nicht gerade das, was man als 20-jähriger Dahinwachsender in einem Verein hören möchte, in welchem man eigentlich zum Mann werden sollte. Vielleicht lag es an meinen permanent rot glühenden Backen, die mich 24 Stunden am Tag so aussehen liessen, als hätte ich ein seltenes tropisches 36 Grad Dauerfieber oder es war tatsächlich nur dieser unbequeme Helm, der meine männliche Haarpracht bis auf das letzte Härchen verschlang.

Seit dieser Zeit besitze ich jedenfalls eine ausgeprägte Abneigung gegen Kopfbedeckungen, vor allem wenn sie aus härterem Material bestehen, als die Materie, die mein wertvolles Kopfinnere beschützt.

Und nun könnt ihr Euch vorstellen, wer mit seinem superschnellen Fahrrad tagtäglich durch Basel flitzt, stets dabei seine Eitelkeit, und dabei seine Birne dem Schicksal anvertraut, indem er seine Haare und mit ihnen seine Denkzentrale ohne Schutz dem Fahrtwind überlässt. Und wenn ich nun diese fahrlässigen Worte so niederschreibe, muss ich mir an eben diese mein wertvolles Gehirn schützende Schicht fassen und mich einen kleinen Hohlkopf nennen, was ja eigentlich ein Widerspruch in sich bedeutet.

Jedenfalls bin ich mir voll und ganz bewusst, dass es ganz einfach nur verantwortungslos ist, ohne Helm Fahrrad zu fahren. Schöne Beine und ein sehr kurzes Röckchen, eine damit verbundene kleine Unaufmerksamkeit, ein blöder Sturz, das Trottoir-Bördchen blöd gelegen und ihr könnt Euch selbst ausmalen, was dann alles kommen könnte. Diese Folgen sind es mir nicht wert und darum werde ich nächstens einen Helm kaufen. Dies steht übrigens auch schon seit Wochen auf meiner ToDo-Liste. Nur, ich kam einfach noch nicht dazu. Naja, vielleicht ist es auch mein Unterbewusstsein, welches diesen Punkt auf der ToDo-Liste irgendwie nie richtig wahrnimmt, eine Art ignoriert, meine Augen das Wort Helm auf der Liste meiden, es geschickt umgehen, wie wenn man jemanden auf der Strasse sieht, den man kennt aber eigentlich nicht kennen möchte, weiss doch ein jeder und eine jede wie das ist.

Unser Bundesrat hat nun eine unglaublich nüchterne Fahrradhelmtragpflicht vorgeschlagen, welcher der Ständerat bereits zugestimmt hat, auf den Entscheid des Nationalrats warten wir noch. Diese Fahrradhelmtragpflicht würde ich ja verstehen, sind wir doch ehrlich, das Angurten im Auto ist für uns doch auch Mittlerweilen ganz normal. Gut, es zersaust uns nicht die Frisur aber trotzdem, es gehört dazu. Was ich irgendwie völlig unverständlich finde ist, dass diese Helmpflicht nur für Kinder unter 14 Jahren gelten soll? „Kinder müsse man besonders schützen, sie seien die Schwächsten im Verkehr,“ sagen die. Bitte? Und was ist mit meiner Grossmutter? Ich möchte sie zwar nicht als schwach bezeichnen, sie sagt von sich selbst, dass sie noch immer eine Chance gegen mich hätte, aber sie als Herkules auf Basels Strassen zu bezeichnen wäre nun auch wieder übertrieben. Und dann meine Wenigkeit. Ich bin zwar nicht mehr ein Kind, zumindest was das Alter anbelangt nicht, Enkelkinder habe ich auch noch keine aber, und hier kommt das für den Bundesrat nun vielleicht überraschende, auch ich mach gegen einen Audi A4 zweiter, ja sogar gegen einen Fiat Punto hätte ich mühe und mit dem bereits erwähnten Trottoir-Bördchen würde ich mich gar nicht erst anlegen. Was soll das mit dieser Vorschrift, tun unsere Politiker in Bern den Helm nun etwa dem Kindergartendreieck gleich. Wenn doch einmal der 14. Geburtstag erreicht ist, gilt es doch nur noch, den Freunden oder Freundinnen mitzuteilen, dass man nun alt genug ist, um den Helm in die Mülltonne zu befördern.

Ich will mit dem Ganzen „Blabla“ nur sagen, dass wenn wir für eine Helmtragpflicht sind, dann haben wir nur eine Wahl, sie müsste für alle gelten. Und hier kämen dann wieder die Argumente mit der Einschränkung der persönlichen Freiheit und dass dann auch weniger Leute Fahrrad fahren würden, dieses Szenario ist übrigens real, was Erfahrungen aus anderen Ländern gezeigt haben. Nein, ich denke wir müssen irgendwo anders ansetzten, vielleicht bei den Verkehrsflächen selbst oder dann bei uns Verkehrsteilnehmern, mehr Aufmerksamkeit und Rücksicht, dann könnte es gelingen.

Bis mich jedoch ein Mercedes Fahrer nett anlächelt und mir mit meinem Fahrrad im Wettsteinplatzkreisel den Vortritt gewährt, appelliere ich an die Vernunft aller Fahrradfahrer und empfehle das Tragen eines Helms. Und ich verspreche Euch, bei der nächsten Konsultation meiner ToDo-Liste werde ich diese ernst nehmen und mich sobald als möglich in ein Fahrradgeschäft begeben und mir den Helm kaufen. Neben einer, nach einer Fahrradfahrt, immer wieder flach gedrückten Frisur, mache ich mir nur bezüglich dem einen Punkt noch Gedanken. Wenn nämlich meine Kameraden damals in der Rekrutenschule recht gehabt haben sollten, werden mir dann Männer, welche auf Tunten stehen, hinterher pfeifen?