by kultsurfer

Kolumne

Ich koche nicht besonders gut, dafür sehr gerne. Meist für mich alleine, auf keinen Fall für meine Freunde. Nicht, dass sie es mir nicht wert sind, aber meine Freunde sind mir einfach zu direkt mit der Wahrheit, würde meinem Selbstvertrauen eher schaden. Außerdem gehöre ich zu der Gattung Mann, die bei einem einfachen Menu, sagen wir Spaghetti Bolognese, nach der Arbeit einen Berg beschmutztes Geschirr in der Küche stehen hat, als hätte ich für alle meine 496 „Freunde“ auf Facebook ein 4-Gang-Menu zubereitet.

Mein Problem ist, dass Rezepte für meine Verhältnisse nicht genau genug beschrieben sind. Das heisst, ich kann mir die einzelnen Schritte bildlich nicht vorstellen. Nun habe ich aber das perfekte Mittel gegen meine nicht vorhandene Vorstellungskraft gefunden, nämlich Kochsendungen. Diese haben nämlich Hochkonjunktur. Ist egal auf welchem Sender und zu welcher Uhrzeit, es wird dem Teufel ein Ohr abgekocht. Sei es Tim Mälzer auf ARD, Biokoch Alfred Biolek, Ralf Zacher und seine Profiköche auf RTL 2, Horst Lichter mit seiner ZDF-Kochshow, Jamie Oliver als einziger englischer Koch, der auch kochen kann und sogar im regionale Telebasel versucht Tamara Wernli mit ihrer Sendung „Kochen im Schloss“ die Fernsehzuschauer anzulocken.

Nun habe ich mir bei Interdiscount den billigsten Fernseher gekauft und diesen in meiner Küche installiert, direkt neben dem Herd. Wie einfallsreich ich doch bin. Tim Mälzer kocht jeden Donnerstag um 18.00 Uhr, also genau eine Stunde nach Feierabend, Perfekt, Einkaufen liegt also auch noch drin. Im Internet kann man das jeweilige Rezept vorsehen und so konnte ich mir die Zutaten im Voraus besorgen. Ein Curry-Honig-Ananas-Huhn, Steinpilzrisotto und für die Gesundheit sorgen Brokkoli mit angebratenen Mandelsplitter überstreut. Ich war bereit und freute mich auf das gemütliche gemeinsame Kochen mit Starkoch Tim Mälzer. Als dieser dann loslegte und gleich zu Beginn seine bereits geschälte Zwiebel für das Risotto in den Topf schmiss, trieften mir bereist die ersten beiden Schweissperlen aus den Poren, ohne dass ich nur ein Messer berührt hatte. Hallo, ich benötige fünf Minuten um eine Zwiebel zu bearbeiten, ich habe keinen Hilfskoch, welcher mir diese vor Sendebeginn rüstet. Als ich mit meiner Zwiebel fertig war, ich brauchte vier Minuten, marinierte Koch Timi bereits seine Annanasstückchen, auch die vorgeschnitten versteht sich, mit Curry, goss Wein zu den gedünsteten Zwiebeln und dem Reis und erklärte, dass man getrocknete Steinpilze ein paar Stunden vor gebrauch einweichen sollte. Danke Tim für die Information aber leider kam diese ein bisschen verspätet! Ich war also im Rückstand und meine frische Ananas war auch noch nicht gestückelt. Ich machte mich sogleich an das exotische Ding und verfluchte mich, dass ich auf die Dosenananas verzichtet hatte.

Tim war derweilen schon beim Stopfen des Hühnchens angelangt und erzählte parallel ganz gemütlich über seine Zeit in Paris, als er mit Jugendlichen mit krimineller Vergangenheit für Obdachlose an heilig Abend ein ungarisches Gulasch gekocht hatte. Der Moderator rührte währenddessen das Risotto. Wo war mein Risottorührgehilfe? Ich schnitt vier aprikosengrosse Ananasstücke aus der halb geschälten Frucht, für mehr hatte ich keine Zeit, und bestreute sie mit Currypulver. Wo hat er den Honig hingetan? Voll versäumt. Ich schoss verzweifelt die Ananasstücke ins Honigglas. Meine Zwiebeln waren bereits leicht braun, als ich den Reis gleichzeitig mit der Bouillon und dem Wein dazugab. Tim rieb das Poulet mit Senf ein, bestreute es mit Salz und Pfeffer und meinte dann, dass das Huhn nun mit einem Pinsel ganz leicht mit Honig betupft werden konnte. Na toll, und mein Honig badete gerade die Ananastücke. Der Moderator rührte konstant weiter im bereits sämig aussehenden Risotto, als Mälzer sein Huhn in seinen Hightech Backofen mit sechsfacher Heizfunktion schob und die integrierte extra Hühnchenbratfunktionstaste drückte. Ich auf meiner Seite hatte eine Reissuppe auf dem Herd die noch nicht kochte, ein Hähnchen dessen Inneres auf  vier honigdurchdrängte Ananastücke wartete und einen Backofen, mit dem wahrscheinlich schon um die 26 Mieter und Mieterinnen vor mir gebacken hatten, ohne extra Hähnchenbratfunktionstaste versteht sich! Als Tim begann seinen bereits gewaschenen und zerstückelten Brokkoli für den Steamer anzuordnen, gab ich auf und schmiss das verfluchte Huhn in die Reissuppe, den Brokkoli die Mandelsplitter sowie die Steinpilze gleich hinterher und rief Pizzataxi an.

Wenn man diesen Starköchen bei Ihrer Arbeit vor der Kamera zuschaut, sieht das Kochen immer so einfach aus. Alles geht ganz leicht und vor allem schnell. Die haben dann immer schön alles vorbereitet und erzählen während dem sie im Topf rühren noch von ihren sozialen Pariser Weihnachtsgulaschprojekten. Sicherlich können diese Starköche kochen, von dem gehen wir aus aber es wird ihnen wirklich leicht gemacht. Ausserdem wissen wir nicht, ob das Ananas-Honig-Huhn und Steinpilzrisotto auch wirklich geschmeckt hat. Ich meine, probieren können wir Fernsehzuschauer das Gekochte ja nie. Gut, die Fernsehmoderatorin oder Moderator tun dies meist in Stellvertretung aber habt Ihr schon je erlebt, dass einer das Gesicht verzogen hat, nachdem der Koch ihm den oft zu heissen Löffel in den Mund gesteckt hat?

Was ich mit meinem Pouletrisottoeintopf machen werde weiss ich nicht. Vielleicht engagiere ich mich auch sozial, wie Herr Mälzer in Paris, stehe auf die Strasse und verteile ein paar Rationen meines Eintopfs an Obdachlose. Meine Pizza, belegt mit Huhn, Steinpilzen und Ananasstückchen war gut und Morgen gibt es dann wieder Spaghetti Bolognese!